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13.04.2009 23:27
| | Genocide and Holocaust
Genocide's a hard word,
killing a people
holocaust too,
whole burnt offering.
senseless, Satanic,
bringing him in
does not soften
what's done
to outgroup by ingroup
in gas chamber
in desert march
transfer and transport
`work makes free.'
We remain as
brands from fire,
fate's favoured,
guilty for living.
Michael E. Stone (Jerusalem; 2009)
“Genozid ist ein schweres Wort, Holocaust auch”
In diesem April gedenken wir nicht nur des Genozids an anderthalb Millionen Armeniern im Osmanischen Reich, sondern auch der Opfer des zweiwöchigen Massakers in der Provinz Adana. Dieses Verbrechen markiert den Übergang von den Christenmassakern des ancien régime und der genozidalen Politik des Nationalistenregimes der Komitees für Einheit und Fortschritt (alias „Jungtürken“). Seinen politischen Hintergrund bildete ein Aufstand von Anhängern des 1908 gestürzten Sultans Abdülhamit II. in Konstantinopel am 31. März 1909 (13. April neuen Stils), der in der muslimischen Bevölkerung der Provinz Adana als armenischer Aufstandsversuch missdeutet wurde. Die New York Times berichtete am 25. April 1909 von 30.000 Massakeropfern nach „konservativer Schätzung“; mehrere Hunderttausende flüchteten bzw. wurden obdachlos.
Den wirtschaftlichen Hintergrund des Massakers in der Stadt und Provinz Adana bildete gewöhnliche Habgier: Die im klimatisch begünstigten Kilikien lebenden Armenier galten als besonders wohlhabend. Regierungstruppen in einer Stärke von 4.000 Mann, die nach Adana entsandt wurden, um dem Gemetzel und den Plünderungen ein Ende zu setzen, beteiligten sich nach Zeit- und Augenzeugenberichten daran: „Adana wird von 4.000 Soldaten terrorisiert“, meldete die New York Times am 5. Mai 1909, “die plündern, schießen und brandschatzen. Ausländisches Eigentum wird nicht geschont. Beide französischen Schulen wurden zerstört, und es steht zu befürchten, dass die amerikanische Schule und kommerzielle sowie missionarische Liegenschaften in Adana völlig ruiniert wurden. Es gibt Anlass zu der Vermutung, dass die Behörden immer noch beabsichtigen, die Vernichtung der Christen zuzulassen.“ Auch in der Stadt Tarsus beteiligten sich 250 osmanische Reservisten an der vollständigen Zerstörung des armenischen Viertels.
Die juristische Aufarbeitung bei Prozessen im Juli 1909 blieb einseitig: Die politische Verantwortung wurde ausschließlich den Sultansanhängern („Alttürken“) bzw. kurdischen Stämmen zur Last gelegt. Im Widerspruch dazu verbreitet der Gesetzgeber der heutigen Republik Türkei auf seiner Webseite die Behauptung, Armenier hätten am 14. April 1909 in Adana geputscht.
Amerikanische und europäische Zeitgenossen umschrieben seit 1895 die Massaker an den Armeniern des Osmanischen Reiches als holocaust (gr. „Ganzbrandopfer“), um die auf Vollständigkeit abzielende Vernichtungsabsicht der Urheber dieser Verbrechen zu charakterisieren.
Holocaust ist ein schweres Wort, Genozid ebenso. Bis heute wehrt sich die offizielle Türkei vehement dagegen, die Ereignisse des Aprils 1909 und 1915 als Holocaust bzw. Genozid einzustufen. Stattdessen halten die türkischen Eliten entweder an der Umkehrung der Opfer-Täter-Relation fest und bezichtigen die damaligen Armenier der Tat, oder versuchen eine Schuld-Parität herzustellen, bei der Armenier und Türken sich wechselseitig metzelten und folglich alle „irgendwie“ Opfer und Täter, schuldige Unschuldige oder unschuldige Schuldige darstellen. Währenddessen versucht die türkische Diplomatie, dem armenischen Verlangen nach Anerkennung der geschichtlichen Tatsachen die zwischenstaatliche Brisanz zu nehmen, indem man die „Genozidfrage“ zu einem „Diaspora-Problem“ erklärt, wie es am 03. April 2009 auch Regierungschef Recep Tayyip Erdogan in seiner Londoner Rede zum Thema „Die Weltwirtschaftskrise und die Türkei“ darstellte. Bei einer früheren Gelegenheit hatte Erdogan 2009 versichert, es gäbe nichts, für das sich die Türkei entschuldigen müsse.
Das sehen andere Bürger der Türkei ganz anders. Das geschichtliche Deutungsmonopol der Regierung ist seit den 1990er Jahren gebrochen. In der Türkei erscheinen seitdem – mit oder ohne strafrechtliche Konsequenzen – Publikationen zum Völkermord an den Armeniern und anderen Ethnien. Einige Zehntausende Bürger haben sich an einer Unterschriftenaktion „Ich entschuldige mich!“ für die „große Katastrophe“ entschuldigt, die 1915 über die Armenier hereinbrach. Das Beispiel dieser absichtsvollen Umschreibung zeigt aber auch, dass selbst liberal, kritisch oder alternativ Denkende noch immer große Schwierigkeiten mit dem Wort Genozid in Anwendung auf „die Ereignisse von 1915“ haben – so die derzeitige offizielle Umschreibung für den Völkermord an anderthalb Millionen osmanischen Armeniern 1915/16 in türkischen Schulbüchern.
Genozid ist ein schweres Wort...
Die Gründe, die in der Türkei wie außerhalb genannt werden, um das schwere G-Wort zu vermeiden, falls von Armeniern, Aramäern/Assyrern, kleinasiatischen Griechen und anderen Opfern in der Türkei die Rede ist, sind vielfältig. Ausländische Staatsmänner und Politiker berufen sich meistens auf den angeblichen armenisch-türkischen Dialog bzw. die Annäherung zwischen den Ländern Türkei und Armenien, die angeblich bei Aussprache des G-Worts Schaden nehmen könnte. Präsident Obama benutzte dieses Argument, als er am 6. April auf einer Pressekonferenz in Ankara die Normalisierung der türkisch-armenischen Beziehungen für ein wichtigeres Ziel erklärte als die Wiederholung seiner persönlichen Auffassung (zum Völkermord an den Armeniern). Vor seiner Wahl zum US-Präsidenten hatte B. Obama, wie schon seine sämtlichen Amtsvorgänger, der armenischen Gemeinschaft in den USA versprochen, als US-Präsident den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Mit Ausnahme von Ronald Reagan (1982) haben bisher alle ihr Wort gebrochen. Ob Obama sein Wahlversprechen halten wird, bleibt bis zum 24. April 2009 offen. In Ankara fiel ihm das Wort Genozid offensichtlich zu schwer.
Baskin Oran, einer der vier Initiatoren der Unterschriftensammlung zur Entschuldigung für die „Große Katastrophe“, erklärte im Dezember 2008 gegenüber der Zeitung Milliyet und in Erwiderung auf eine öffentliche Kritik durch Erdogan: „Die Leute, die sich entschuldigen, sind jene, deren kollektives Gewissen sich nicht mit gewissen Fehlern in der Geschichte abfinden kann. Der Regierungschef sollte für unsere Kampagne dankbar sein. Auf der ganzen Welt verabschiedeten die Parlamente automatisch Resolutionen. Das wird jetzt aufhören. Die Diaspora ist milder gestimmt. Und die internationalen Medien hören auf, das Wort Genozid zu verwenden.“
Andere türkische Intellektuelle begründen ihre Vermeidung des G-Worts mit ihrer didaktischen Aufgabe gegenüber dem türkischen Volk, die sich vermeintlich leichter erfülle, falls sperrige Worte vermieden werden. Wann aber sollen die nach Ansicht dieser Intellektuellen zu erziehenden Massen die volle Wahrheit erfahren?
Genozid bleibt ein schweres Wort...
Doch es gibt keine Alternative zu ihm, keine treffende und zugleich weniger schwere Umschreibung. Wir meinen: 100 Jahre nach dem Adana-Massaker und 94 Jahre nach dem Völkermord klingen alle Versuche, die anhaltende Vermeidung der Anerkennung und des G-Wortes zu begründen, entweder zynisch oder erbärmlich (oder beides). Die türkische Staatsführung, die türkischen Eliten befinden sich derzeit im Fegefeuer der Halbherzigkeit. Sie wollen die Normalisierung internationaler Beziehungen, regionale Stabilität und Aussöhnung ohne wirkliche Anerkennung. Kennzeichnend dafür ist die Ersetzung des bisherigen Begriffs „sözde soykirim“ (sogenannter Genozid) in Schullehrbüchern durch die „Ereignisse von 1915“ bei dem gleichzeitigen Zwang, dass alle Schüler den Propagandafilm Sari Gelin ansehen müssen.
Ein Völkermord ist ein Völkermord ist ein Völkermord… Er bildet das juristisch definierte größte Verbrechen gegen die Menschheit. Die Vermeidung der Wahrheit erzeugt sekundäre Verbrechen wie die Leugnung von Genozid.
Normalisierung, regionale Stabilität und Aussöhnung sind fraglos wichtige und unterstützenswerte Ziele. Aber sie sind nicht auf der Grundlage der Geschichtsklitterung oder gar falscher Unterstellungen zu erreichen. Schon gar nicht kann der Verzicht auf historische Verantwortungsübernahme gegen diese Ziele eingetauscht werden. Die Türkei auf ihrem Weg zur Geschichtsanerkennung unterstützen nicht jene, die das Schweigen fördern, sondern jene, die die Verwendung des schweren Wortes fordern.
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