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Tessa Hofmann
Meline Pehlivanian
I. EINLEITUNG UND KOMMENTAR
Unbekannte und wenig bekannte Quellen
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Am 5. März 1989 übersandte Marlene Petersen eine Kopie des Tagebuches ihres Vaters an Tessa Hofmann. Hans Bauernfeind (gest. 1941) hatte vom Sommer 1914 bis zum 11. August 1915 als Stellvertreter seines Schwagers, des deutschen Missionars Ernst J. Christoffel (4.9.1876-23.4.1955), die Christliche Blindenmission im Orient e.V. (heute: Christoffel-Blindenmission im Orient) geleitet und wirkte nach seiner Rückkehr aus der Türkei als Pfarrer in einem winzigen Dorf in Thüringen (2). Das Tagebuch, das er vom 22. März bis zum 30. August 1915 führte, umfaßt 130 maschinenschriftliche Seiten und war, wie Bauernfeinds Tochter 1989 mitteilte, "bis vor ca. drei Jahren verschollen. Als es dann auftauchte und ich es lesen konnte, fielen mir wohl manche recht harten Ausdrücke auf, beeindruckten mich aber nicht in so starkem Maße wie kürzlich beim neuerlichen Lesen; denn ich habe meine Eltern immer als unbedingt ehrlich, gerecht, liebevoll, zuverlässig und wahre Christen gekannt, nie hatte ich Ursache, an einem ihrer Worte zu zweifeln. Umso bestürzter war ich (streckenweise), als ich kürzlich nochmals das Tagebuch las, trotz auch sehr positiver, liebevoller, verstehender Absätze."
Die gleiche Bestürzung überkam auch uns, die Herausgeberinnen dieser bisher unedierten Quelle. Denn Hans Bauernfeind, unbestreitbar ein Augenzeuge des türkischen Völkermordes an den Armeniern, scheint sich bis zu seiner endgültigen Ausreise aus der Türkei seelisch gegen die Tragweite seiner eigenen Wahrnehmungen gewehrt zu haben. Seine Kommentare und Wertungen sind geprägt von den politischen Vorurteilen und Leidenschaften seiner Zeit, seiner Nation und teilweise auch seines Berufs als evangelischer Pfarrer und Missionar. Trotzdem haben wir uns schließlich entschieden, die wichtigsten Beobachtungen Bauernfeinds zum Ablauf des Völkermordes zu veröffentlichen. Denn Bauernfeind war ein fast schon penibel genauer, sorgfältiger Chronist, der seine selbstauferlegte Pflicht selbst dort mit der sprichwörtlich deutschen Gründlichkeit versah, wo Fakten oder Berichte Dritter in Widerspruch zu seinen Überzeugungen standen. Bauernfeinds Chronik betrifft die einzelnen Etappen der Armeniervernichtung in der Stadt Malatia sowie auf seiner Rückreise nach Konstantinopel: Waffenbeschlagnahmungen, die Verhaftung, Folter und Vernichtung von über zweitausend Armeniern Malatias, den Durchzug von mindestens 20000 Deportierten aus der Stadt und Provinz Siwas sowie 5600 aus Mesereh, Arbeiterbataillone. Wir hielten es für erforderlich, die Vor- und Nachgeschichte dieses Berichts zu ergänzen, wobei wir als Quellen die Buchveröffentlichungen des Missionsgründers und -leiters Christoffel heranzogen, der 1916 bis 1918 Augenzeuge für die Auswirkungen bzw. das Endstadium des Genozids wurde. Von seinen insgesamt fünf Schriften, die Begebenheiten im Osmanischen Reich bzw. in Malatia schildern (3), sind vor allem zwei für die Geschichte Malatias und seiner Missionsanstalt "Bethesda" von besonderer Bedeutung: "Aus dunklen Tiefen" (Berlin 1921) enthält Christoffels umfassendsten Bericht über seine Hilfsarbeit vom April 1916 bis Februar 1919 und wurde noch ganz unter dem Eindruck jener Jahre verfaßt. "Zwischen Saat und Ernte" (Berlin 1933) bietet einen Überblick über die Missionsgeschichte und ergänzt, aus einer größeren zeitlichen Distanz, die Bethesda-Etappe um weitere Details. Diese im Verlag der Missionsgesellschaft erstellten Veröffentlichungen sind in Deutschland selbst in wissenschaftlichen Bibliotheken kaum noch vorhanden. Im Ausland sind sie, trotz eines Übersetzungsversuchs in den USA (4), nicht bekannt geworden. Sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wiederaufgelegt. Da sie zudem in sogenannter gotischer Schrift gedruckt wurden, sind sie heutigen, vor allem ausländischen Lesern, kaum zugänglich. Zusammen mit dem Tagebuch H. Bauernfeinds geben sie einen sehr umfassenden Eindruck von den Völkermordereignissen der Jahre 1915/16 in Malatia und beantworten darüber hinaus zahlreiche Einzelfragen. So ist es an Hand dieser Texte möglich, einen fast lückenlosen Überblick über die Geschichte der Blindenmission und ihrer Station in Malatia zu gewinnen, die bisher als unbekannteste der deutschen Missionsstationen im Osmanischen Reich galt.
Der Stellenwert der Zeugenaussagen Bauernfeinds und Christoffels ergibt sich aus der Bedeutung Malatias im Ablauf des Völkermordprogramms: An der großen, von Samsun an der Schwarzmeerküste nach Bagdad führenden Karawanenstraße gelegen, wurde Malatia zur wichtigen Durchzugsstation und zum Sammelpunkt armenischer Deportierter aus den nördlichen und nordöstlichen Wilajets. "Malatia", schrieb Christoffel rückblickend, "war der schlimmsten Orte einer. (...) Der Fanatismus der Cliqué, die in unserer Stadt das Heft in der Hand hatte, war größer und blutrünstiger als an anderen Orten. Auch als später in anderen Städten von Missionaren Brotverteilung und Suppenküchen eingerichtet wurden, hätte ich das außerhalb der Anstalt nicht wagen dürfen" (Tiefen, S. 29).
Die Geschichte der Christlichen Blindenmission im Orient
Die Anfänge: 1906 bis 1909
Ernst Christoffel, ein Handwerkerssohn aus dem rheinländischen Rheydt, und seine Schwester Hedwig (gest. 1959) gelangten 1904 erstmalig in das Osmanische Reich, wo sie im Auftrag schweizerischer Armenierfreunde bis zum Winter 1906 in Siwas ein Waisenheim für Opfer der Massaker von 1894-96 leiteten. Christoffel unterhielt damals gute Kontakte zu den Vertretern des Deutschen Hilfsbundes für Christliches Liebeswerk im Orient, so daß ihm der Hilfsbund nach Vertragsablauf in Siwas zunächst eine Pädagogenstelle am neu zu gründenden Lehrerseminar des Hilfsbundes in Mesereh übertragen wollte. Der "Hilfsbund"-Vorstand hielt seine vertraglichen Verpflichtungen nicht ein, der für Christoffel vorgesehene Posten wurde mit dem Methodisten Sommer besetzt, angeblich, weil man Christoffel freikirchlicher Tendenzen verdächtigte und er mit dem autoritäten Vorstandsmitglied Lohmann nicht zurechtgekommen sei (5). Christoffel, der seine Arbeit in der Türkei trotz dieser Schwierigkeiten fortsetzen wollte, blieb nur der Weg als "Freimissionar." Ein Erlebnis mit einem Blinden im Jahre 1906 bewog ihn und seine Schwester, ihre künftige Arbeit ganz in den Dienst dieser Behinderten zu stellen: „Sie sahen, wie der liebeleere Islam kein Organ hat, um die Not dieser Volksgenossen zu verstehen. Sie sahen, wie ein versteinertes orientalisches Christentum teilnahmslos an dem blinden Bruder, der blinden Schwester vorbeiging" (6). Seine enttäuschenden Erlebnisse mit dem "Hilfsbund" versetzten Christoffel offensichtlich in die Notwendigkeit, sich im Missionsgeschäft eine eigene Nische zu suchen und erklären sein Bestreben, möglichst an Orten tätig zu werden, wo keine Konkurrenz durch amerikanische oder andere deutsche Missionen ("Hilfsbund", "Orientmission") bestand.
Kleine Freundeskreise in Holland, der Schweiz und Deutschland - meist alleinstehende, ältere und gebildete Frauen - stellten die Mittel bereit, mit denen zehn Blinde ein Jahr lang verpflegt werden konnten. Am 8. Januar 1909 trafen Ernst und Hedwig Christoffel in Malatia ein, dem antiken Melitene am Oberlauf des Euphrat. Die langgezogene, in einer fruchtbaren Ebene gelegene Gartenstadt zählte damals etwa 60000 Einwohner (heute etwa 260000), davon ein Drittel Armenier (7). Die Umgebung war und ist überwiegend von Kurden besiedelt, weswegen der Missionsgründer diesen Teil des historischen Kleinarmeniens stets als Kurdistan bezeichnete. Malatia bildete die Hauptstadt des gleichnamigen Sandschaks ("Bezirks") in der im Zuge osmanischer Verwaltungsreformen 1867 neugeschaffenen Provinz ("Wilajet") Diyarbakir; es war entsprechend Sitz eines Mutessarif ("Gouverneur").
Das Jahr 1909: Die Gründung der Missionsstation in Malatia
Bei Ankunft der Geschwister herrschte Hungersnot. Sie betraf vor allem die Armenier, die sich noch nicht von den Massakern vor 13 Jahren erholt hatten. Dreiviertel der armenischen Häuser Malatias lagen in Trümmern (Saat, S. 138). Entgegen ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung, der Blindenmission, machten sich Christoffels unverzüglich an die Hilfsarbeit unter den notleidenden Armeniern, denen sie so über den schweren Winter halfen.
In Malatia bestanden zu dieser Zeit bereits zwei missionarische Werke: Französische Kapuzinermönche unterhielten eine Niederlassung mit Schule. Sie verließen ihre Station 1914 bei Kriegsausbruch (8). Die Dänin Jensine Christine Petersen Oerts Peters ("Majrik"; geb. 1880, gest. in den 1960 Jahren) arbeitete seit 1906 als Schwester in Malatia, wo damals schon eine kleine armenisch-protestantische Gemeinde unter Pfarrer Patweli Trdat Tamrasjan (9) bestand. Die Behörden hatten Frau Petersen Oerts verboten, zu missionieren (sie verteilte trotzdem heimlich Bibeln, unter anderem an den Bürgermeister Mustapha Agha), aber sie durfte einen Kindergarten eröffnen, den sie mit zwei Lehrern und einer armenischen Katechetin, Sara Badschi, führte.
Ende April 1909, als auch die Bevölkerung Malatias mit Armeniermassakern rechnete, trugen Ernst Christoffel und Jensine Petersen Oerts erheblich zur Entspannung bei, indem sie sich regelmäßig gemeinsam in der Öffentlichkeit zeigten (Saat, S. 65 f.). Die Dänin und die beiden deutschen Geschwister standen damals an dritter bzw. vierter Stelle auf einer Todesliste derjenigen, die die Organisatoren des Massakers in Malatia mit Hilfe kurdischer Banden zu liquidieren beabsichtigten. Ein telegraphischer Hilferuf Christoffels an die deutsche Botschaft in Konstantinopel, die er um "Reichsschutz" bat, blieb wirkungslos. Erst nach einem halben Jahr wurde vom Konsulat zu Aleppo zurückgefragt, ob in seiner Mission deutsche Reichsinteressen gefährdet seien (ebenda). Christoffel erwähnte diesen Vorfall später verschiedentlich als anschauliches Beispiel deutscher Bürokratie sowie mangelnden Engagements für deutsche Missionare (10). Das beherzte Einschreiten eines türkischen Infanterie-Hauptmanns bewahrte Malatia allerdings 1909 vor einem weiteren Massaker (Saat, S. 70).
Jensine Petersen Oerts verließ, wegen zerrütteter Nerven, 1914 die Türkei, nahm aber ihre Armenierarbeit am 12. März 1922 im ostthrazischen Tekirdag (Rodosto) wieder auf. Sie eröffnete dort eine Schule für Spitzenklöppelei, die jungen, aus türkischen Haushalten befreiten Armenierinnen eine Existenzgrundlage lieferte. Nach dem Mudania-Abkommen mußte sie, mit 4000 Armeniern, Tekirdag verlassen. Gegen den anfänglichen Widerstand der Stadtbehörde verhalf sie den Exilierten zur Landung in Thessaloniki und ging nicht zuletzt durch diese Tat als Retterin von Deportierten und Überlebenden des Völkermordes in die Geschichte des armenischen Volkes ein.
Bethesda
1921 schrieb Christoffel rückblickend: "Es war die einzige Anstalt dieser Art in der europäischen und asiatischen Türkei, abgesehen von dem Blindenheim, das mit dem syrischen Waisenhaus in Jerusalem verbunden ist. (...) Das Haus sollte ein Zufluchtsort werden für alle diejenigen, für die das Programm der anderen Missionsgesellschaften keinen Raum bot, und zwar ohne Unterschied der Rasse oder des Religionsbekenntnisses. In erster Linie kamen Blinde in Betracht. Da aber kein Hilfesuchender von Bethesdas Toren abgewiesen werden durfte, kamen wir auch zu Krüppeln, zu Blöden und zu einer Reihe von normalen Waisenkindern, die aber Niemandskinder in des Wortes vollster Bedeutung waren (...). Die Bethesdafamilie bot ein buntes Bild. Alle Altersstufen waren vertreten, vom Säugling bis zum lebensmüden Greise; Blinde, Krüppel und Blöde, Gesunde und Kranke, Armenier, Türken, Kurden und Syrer nannten Bethesda ihr Heim" (Tiefen, S. 6). Im Unterschied zum "Hilfsbund" und zur "Orientmission" (später: Dr. Lepsius-Orientmission) stand, zumindest programmatisch, nicht die Armenierhilfe im Mittelpunkt der Arbeit der "Blindenmission."
Lors de leur arrivée à Malatia, il y avait déja deux établissements missionnaires dans la ville: les capucins français qui y dirigaient une mission et une école (ils durent quitter Malatia en 1914, au moment du déclenchement de la guerre) (6) et la Danoise Jensine Christine Petersen Oerts Peters (1880-c. 1960), surnommée Mayrig (= «la mère») par les Arméniens, qui y travaillait depuis 1906 en tant que sœur. à l’époque, une petite communauté protestante arménienne, dirigée par le pasteur Dertad Tamrasian (7) y existait déjà. Les autorités avaient cependant interdit à Jensine Petersen de faire la mission; elle continua pourtant à distribuer des Bibles en cachette, y compris au maire de Malatia, Moustapha Agha. Elle n’était officiellement admise que pour diriger une école maternelle, ce qu’elle faisait avec l’aide de deux professeurs et d’une arménienne, Sara Badschi.
Eine türkische Witwe hatte den Missionsgeschwistern das Haus verkauft, das große Grundstück stellte Pfarrer Trdat Tamrasjan zur Verfügung. Es ermöglichte der "Bethesdafamilie", eigene Landwirtschaft zu treiben. "Unsere Anstalt lag gute zehn Minuten von der Stadtperipherie entfernt, vollständig allein. (...) Aber der Verkehr zwischen der Stadt und uns war im allgemeinen ein sehr reger" (Saat, S. 152).
Zwei Probleme erschwerten von Anfang an die Arbeit der kleinen Station: Chronischer Geldmangel sowie Isolation. Die nächste deutsche Mission lag, eine Tagesreise nordöstlich entfernt, in Mesereh (11). Es handelte sich um eine von Pfarrer Ehmann für den Deutschen Hilfsbund für Christliches Liebeswerk im Orient geleitete Station, bis zum Kriegsende die größte deutsche Mission im Osmanischen Reich (Saat, S. 178). Die Provinzhauptstadt Siwas mit dem schweizerischen Mädchenwaisenheim, das ebenfalls als "deutsche" Einrichtung galt, lag vier Tagesreisen nordwestlich entfernt.
Im Weltkrieg wirkte sich das Fehlen einer deutschen Feldpoststation in Malatia besonders verhängnisvoll aus. Die telegraphische oder briefliche Kommunikation der Mission mit der Botschaft in Konstantinopel oder Missionsfreunden in der Heimat hing nun ganz davon ab, daß türkische Postbeamte bereit waren, die Post zu befördern bzw. zufällig durchreisende deutsche Militärangehörige Post nach Deutschland oder Konstantinopel mitnahmen (Tiefe, S. 70). Das Reisen zu Pferd, Maultier oder in der Kutsche war besonders im Winter und in den gebirgigen Abschnitten gefährlich.
Trotzdem machte die Blindenmission in Malatia solche Fortschritte, daß schon 1913 an die Gründung einer Filiale gedacht wurde. "Dazu kam ein zweiter Grund: Von Anfang an zielte unsere Arbeit auf Mohammedaner" (Saat, S. 96). Christoffel faßte die Provinzhauptstadt Diyarbakir ins Auge, die offenbar gerade wegen der dort vorhandenen Schwierigkeiten eine noch größere Herausforderung für den Missionar bildete als Malatia: "Die mohammedanische Bevölkerung dort galt als besonders fanatisch, die armenisch-gregorianische den Bestrebungen der Mission gegenüber als besonders intolerant. Zwar gab es eine vom American Board abhängige kleine armenisch-protestantische Gemeinde. Aber trotz verschiedener Versuche von deutscher und amerikanischer Seite war es nicht zur Gründung einer eigentlichen Missionsstation gekommen. Soviel ich erkunden konnte, lag das größte Hindernis beim armenischen Bischof. 1898 hatte hier Dr. J. Lepsius 100 Massakerwaisen sammeln lassen. Das Haus wurde Ende desselben Jahres von der türkischen Regierung geschlossen. Im April 1900 war Pastor von Bergmann im Auftrag von Dr. Lepsius nach Diarbekir gekommen, um hier womöglich einen Stützpunkt für die Lepsiusmission zu schaffen. Bergmann starb im gleichen Jahr an Typhus. (...) Die Abwesenheit jeder anderen Missionsgesellschaft bestimmte auch sehr stark unsere Entschlüsse. (...) Der damalige Wali von Diarbekir, ein feingebildeter Türke, brachte unserer Absicht volles Verständnis entgegen" (Saat, S. 97).
Einer ersten Erkundungsreise 1913 folgte eine zweite im Juli 1914, die weniger ermutigend verlief: In Diyarbakir war nun der berüchigte Reschid Bej Generalgouverneur, der "in den armenischen Greueln des folgenden Jahres (...) mit sadistischer Grausamkeit" (Saat, S. 98) vorging. Trotz einer demütigenden Auseinandersetzung mit Reschid hielt Christoffel optimistisch an seinen Diyarbakir-Plänen fest: "Die Walis kamen und gingen" (Saat, S. 99). Über Aleppo, wo Christoffel die deutsche Mädchenschule der Kaiserswerther Schwestern besuchte, wurde die Reise per Bahn nach Beirut fortgesetzt, von wo sich Christoffel nach Triest und weiter nach Deutschland ausschiffen wollte. Dort hoffte er finanzielle und organisatorische Hilfe für die Diyarbakir-Filiale zu finden. Doch schon in Aleppo erreichte ihn die Nachricht vom Ausbruch des Weltkrieges. Christoffel setzte dennoch die Heimreise fort, um in der deutschen Armee zu dienen: Erst im Sanitätsdienst, dann als Lazarettgeistlicher in Ahrweiler.
Bethesda befand sich seit seiner Abreise am 3. Juli 1914 unter der stellvertretenden Leitung von Hans Bauernfeind, der 1913 Hedwig Christoffel geheiratet hatte. Außer ihnen lebte noch eine weitere deutsche Missionsarbeiterin in Bethesda, die blinde Lehrerin Betty (auch: Betti) Warth. Die "Anstaltsfamilie" bestand zu diesem Zeitpunkt aus 85 Personen, die meisten davon offenbar armenischer Nationalität. Im August 1914 sandte Bauernfeind 60 "Hausgenossen", die Verwandte besaßen, wegen der inflationsbedingten Finanzkrise Bethesdas nach Hause, - eine Maßnahme, für die er, seinem Tagebuch zufolge, offenbar von Christoffel getadelt wurde: „Damals wurden mir wegen dieser Radikalität Vorwürfe gemacht" (S. 100).
Das Jahr 1915
Im Rückblick auf die Vernichtung der Armenier schrieb Christoffel 1933: „Wie sollte der deutsche Missionar sich verhalten? Die Armenier in weitem Maße Objekte unserer Missionstätigkeit. Die Türken unsere politischen Verbündeten. Unrecht auf beiden Seiten. Das armenische Volk das schwächere, der Vernichtung preisgegebene, dazu in seiner Masse nicht revolutionär. Wer ihm half, stellte sich in Gegensatz zur Regierungspolitik. Im vollen Bewußtsein dieses Gegensatzes habe ich mich bis zum Ende des Krieges der verfolgten Armenier angenommen. Ich hätte dasselbe mit den Türken getan, wenn sie die Verfolgten gewesen wären" (Saat, S. 278).
Das Verhängnis wollte es, daß "Hajrik", wie die Armenier Christoffel nannten, 1915 abwesend war. Sein Stellvertreter verwechselte damals, mitten in der Situation, häufiger Opfer und Täter. Im Dilemma zwischen politischer Bündnistreue und christlicher oder auch nur allgemeiner Menschlichkeit entschied er sich oft für den ersten Grundsatz. Antiarmenische Vorurteile trübten sein Urteilsvermögen (siehe unten), deutsche Obrigkeitshörigkeit und mangelnde Zivilcourage lähmten seine Handlungsfähigkeit. Wie die Reflexionen in seinem Tagebuch zeigen, war er der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort. Aus einer alten Pastorenfamilie stammend, hatte Bauernfeind zum Unterstützerkreis der Blindenmission gehört, bevor er Hedwig Christoffel heiratete. Für die Leitung einer isolierten orientalischen Mission, noch dazu unter Kriegsbedingungen und schwer durchschaubaren politischen Verhältnissen, fehlte ihm die Ausbildung und, über große Strecken, auch die Klarsicht und die Erfahrung. Bauernfeind schrieb und sprach Französisch, außerdem etwas Türkisch und offenbar besser Armenisch. Beim Verkehr mit türkischen Beamten bediente er sich meist armenischer Dolmetscher.
Sein devoter Untertanengeist und seine Vorurteile gegen Armenier arbeitete den örtlichen Vollstreckern der jungtürkischen Vernichtungspläne mehrfach in die Hände (siehe unten) und beschränkte psychologisch seine Hilfsbereitschaft. Er verweigerte zum Beispiel Kindern, denen die Flucht aus einem Konvoi gelungen war, die Aufnahme in Bethesda und schickte sogar einstige Mitglieder der "Bethesdafamilie" zurück auf den Deportationsweg. Nur wenigen Deportierten bzw. armenischen Einwohnern Malatias gelang es allerdings, in die Mission vorzudringen, die ein Gendarm ("Saptieh") bewachte. Bauernfeinds waren über diese Isolation recht froh, da sie sie von den Bittstellern abschirmte, denen sie ohnehin weder materiell, noch durch Intervention bei den Behörden helfen zu können glaubten.
Bauernfeind setzte sich allerdings, wenn auch letztlich erfolglos, für verhaftete protestantische Armenier aus Malatia bei den Behörden ein, jedoch letztlich wirkungslos. Am 9. Juni 1915 protestierte er, ebenfalls wirkungslos, gegen die Folter und Ermordung armenischer Gefangener in einem französisch verfaßten Brief an den Kaimakan von Arha (12), der damals das Amt eines Mutessarif stellvertretend versah. Zehn Tage später erhielt er die ersten Beweise dafür, daß getötete Armenier nächtens auf dem Missionsgelände begraben wurden. Diese Erfahrungen und die immer unübersehbarere Tatsache, daß die armenischen Gefängnisinsassen sowie Angehörige der Arbeiterbataillone "verschwanden", bestimmten Bauernfeinds Tagebucheintragungen in der ersten Julihälfte 1915, in denen er mehrfach deutlich von einem "meisterhaft organisierten, längst vorbereiteten Massenjustizmord" (Tagebuch, S. 61) spricht, für den die türkische Regierung verantwortlich sei. Die Beeinflußung durch türkische Beamte, vor allem den Mutessarif, drängte diese vorübergehende Klarsicht allerdings bald wieder in den Hintergrund. Auch den Bericht einer amerikanischen Missionsangestellten, Mary L. Graffam, die freiwillig die Deportierten aus Siwas begleitet hatte, nahm er als willkommene Entlastung für die Regierung: Auf diesem Abschnitt der Deportationsroute - bis nach Urfa durfte Miss Graffen die Deportierten nicht mehr begleiten - hatte es zumindest bei ihrem Konvoi keine dramatischen Zwischenfälle gegeben.
Bauernfeind und seine Frau sehnten sich schon früh aus Malatia und ihrer Verantwortung fort. Am 7. Juli notierte er: „Denn abgesehen von der finanziellen Notlage, die kaum einen weiteren Winter hier zuläßt, sind wir hier erstens stets gefährdet als Augenzeugen, zweitens innerlich unmöglich. Und endlich: nachdem wir dies erlebt haben, ist unsere Aufgabe hier erledigt; jetzt liegt unsere Pflicht in Deutschland - Zeuge der Wahrheit zu sein" (Tagebuch, S. 54). Furcht vor der "Russengefahr" bildete ein weiteres Motiv.
Das Haupthindernis für eine schnelle Abreise war jedoch die restliche "Bethesdafamilie". Nach den ersten Massakern in Malatia faßte Bauernfeind Anfang Juli 1915 den Plan, seine Schutzbefohlenen nach Mesereh in die Station von Pfarrer Ehmann zu evakuieren. Er hatte, als er von der bevorstehenden Deportation der Armenier Malatias nach Urfa erfuhr, dem Mutessarif Malatias angeboten, selbst die Bethesda-Armenier nach Urfa zu überführen. Daß Urfa nicht die letzte Station der Deportation sein würde, ging Bauernfeind erst allmählich auf. Doch die türkischen Behörden duldeten zu diesem Zeitpunkt keine europäischen Reisenden auf den südlichen Abschnitten der Deportationsrouten, und die "Hilfsbund"-Missionen in Mesereh und Marasch lehnten telegraphisch die Aufnahme der Bethesda-Restfamilie ab: Sie steckten selbst in Schwierigkeiten und mußten fürchten, geschlossen zu werden. Ende Juli wiederholte die Leitung der christlichen Blindenmission in Deutschland offenbar ihre Forderung, die "Bethesdafamilie" aufzulösen. Resigniert notierte Bauernfeind am 29. Juli: „Wenn es nicht möglich sein sollte, daß wir über Mesereh, Urfa reisen oder daß wir unser Haus in Mesereh unterbringen, sollten wir möglichst schnell nach Konstantinopel, um dort bei der Botschaft die nötigen Schritte zu tun. Das scheint uns jetzt die wichtigste Aufgabe zu sein. Denn man weiß ja dort nicht, wie es hier im Inneren aussieht. Aber was soll aus unseren Blinden und Gichtbrüchigen werden? Es ist leicht gesagt, wie uns heute Frau Dr. Schroeter schrieb, wir sollten sie alle fortschicken. Sie alle totschlagen, wäre viel barmherziger. Wenn wir sie nicht in Mesereh oder sonst wie sicher unterbringen können, dürfen wir keineswegs fort. Und doch müssen wir, denn Geld soll nicht mehr kommen, und wir können es hier tatsächlich kaum noch aushalten: inmitten all des Entsetzlichen schweigen und müßig zusehen müssen, während man draußen nichts von allem weiß" (S. 96).
Am 31. Juli 1915 erhielt Bauernfeind Christoffels nochmaligen telegraphischen Befehl: „Alle Hausgenossen sofort entlassen!" (Tagebuch S. 100). Bethesda besaß zu diesem Zeitpunkt noch 22 Blinde und Waisen (Tagebuch S. 98). Die 1914 von Bauernfeind zu ihren Verwandten Geschickten traf das allgemeine Schicksal armenischer Deportierter. Nur sechs der 1914 entlassenen sechzig Bewohner haben den Völkermord überlebt, wie Christoffel 1916 feststellte: „Sie sind erschlagen, verhungert, verschollen. Von den sechs (Überlebenden; die Hrsg.) fanden 3 den Weg nach Bethesda. Was die übrigen unbetrifft, so habe ich nur von ganz wenigen Nachrichten erhalten. Die verkrüppelte Mariam Badschi ist verhungert, der kleine blinde Levon ebenfalls. (...) Die blinde Chattun soll im Göldschik ertränkt worden sein. Der Göldschik ist ein Bergsee in der Nähe von Mesereh, in dem Tausende Armenier ertränkt wurden" (Tiefen, S. 16).
Am 31. Juli, zeitgleich mit dem Auflösungsbefehl Christoffels, stellte der Mutessarif Bauernfeind die Rettung aller armenischen Angestellten unter der Bedingung in Aussicht, daß das Ehepaar Bauernfeind in Malatia bliebe (Tagebuch S. 98). Als sich Bauernfeinds weigerten, beharrte der Mutessarif auf der Deportation aller in Bethesda lebenden männlichen Armenier, auch der blinden. Um ihn zufriedenzustellen, war Bauernfeind bereit, ihm "den einzigen sehenden, etwas größeren Knaben" zu opfern (Tagebuch S. 105).
Obwohl Bauernfeind genügend Beweise für die Wortbrüchigkeit türkischer Beamter besaß, verließ er Malatia am 11. August 1915, gemeinsam mit seiner Frau, Fräulein Warth, Miss Graffam und deren armenischen Schützlingen aus Siwas, der alten Predigersfrau “Pampisch” (13) und dem 17jährigen Lehrer Lewon: "Und es erscheint uns jetzt das natürlichste und sicherste zu sein: Dem Mutessarif und der Regierung hier zu vertrauen. Wir haben keine Bange, daß in der Zeit hier irgendetwas geschieht. Auch für Haus u(nd) Besitz ist es entschieden das Beste" (Tagebuch S. 103). Mit dem Mutessarif hatte er sich geeinigt, daß Bethesda bis zur Rückkehr "des Direktors" Christoffel unter der Leitung Makruhis, der Witwe des inzwischen getöteten Missionsmitarbeiters Karapet, sowie des selbst fast blinden Blindenlehrers Choren stehen sollte.
Die kleine Gruppe reiste mit zwei Wagen und wurde wohl nicht zufällig von türkischen Offizieren begleitet, die ebenfalls nach Konstantinopel wollten. Im Gepäck hatten Bauernfeinds ein Legitimationsschreiben des Mutessarif, das ihnen sicheres Geleit bis Konstantinopel und die Begleitung zweier Gendarmen zusicherte. Ihre geplante Reiseroute über Marasch war ihnen ausgeredet worden: " (...) die Reise nach Marasch sei jetzt zu gefährlich. Und da es ja keine zuverlässigen Saptieh (Gendarmen, die Hrsg. ) gibt, ließen wir uns schließlich bestimmen, diesen Reiseplan (...) aufzugeben. Wir wollen nun, so Gott will, mit Wagen (...) über Siwas, Cäsarea nach der Bagdadbahn abreisen." ( 6. August 1915)
Christoffels Rückkehr: 1916 bis 1918
Bei seiner Abreise im Sommer 1914 wähnte E. Christoffel Bethesda "in guter Hut" (Saat, S. 3). Seine Schwester Hedwig ("Majrik"), mit der Arbeit im Orient ebenso langjährig vertraut wie er selbst, hatte die Missionsstation 1912, als sich Christoffel auf Vortragsreise in Deutschland befand, schon einmal stellvertretend geleitet. Bauernfeinds Tagebuch läßt aber erkennen, daß diese so erfahrene und selbständige Frau sich in ihrer Ehe anscheind ganz ihrem Mann unterordnete und dessen Vorurteile teilte. Christoffel muß also entweder die Unfähigkeit seines Schwagers nicht erkannt oder nachträglich beschönigt haben. Wegen der Militärzensur und erschwerten Kommunikationsmöglichkeiten erfuhr Christoffel offenbar erst im September 1915 in München-Pöcking, nach der Rückkehr des Ehepaars Bauernfeind, Einzelheiten über die entsetzlichen Zustände in Malatia, - soweit Bauernfeind und seine Frau damals ihre Tragweite begriffen (Saat, S. 118). Christoffel beantragte daraufhin beim deutschen Kriegsministerium seine Entlassung aus dem Militärdienst, um so schnell wie möglich nach Malatia zurückzukehren.
Ende Januar 1916 traf er mit dem Balkanzug in Konstantinopel ein, wo er einen Monat verlor, um sich die nötigen Reisepapiere für die Weiterfahrt ins Landesinnere zu besorgen. Außer dem üblichen Reisepaß (teskere) erhielt er als einziger Europäer ein Erlaubnisschreiben des Kriegsministers Enver Pascha (Saat, S. 118). Am 8. April 1916 kehrte Christoffel, nach 21monatiger Abwesenheit, nach Bethesda zurück.
Er fand eine völlig verängstigte Gemeinschaft von inzwischen dreißig Personen vor (Tiefen, S. 28), die ihn mit den vorwurfsvollen Worten "O, wärst du hiergewesen, es wäre nicht so gekommen!" empfing (Tiefen, S. 14ff.). Das Überleben Bethesdas war im Wesentlichen dem Eingreifen des Bürgermeisters Mustapha Agha zu verdanken (Saat, S. 120), der allerdings nicht hatte verhindern können, daß die Einrichtung, darunter die Öfen und der Eierertrag Bethesdas, von den Frauen der örtlichen Machthaber geplündert wurden (Tiefen, S. 19): "Von allen deutschen Missionsanstalten in der Türkei hat Bethesda verhältnismäßig am meisten gelitten" (Tiefen, S. 17). Die Patweli Tamrasjan gehörigen Liegenschaften waren bereits im August 1915 beschlagnahmt worden. Dieses für die Eigenversorgung Bethesdas so unentbehrliche Ackerland diente dann bis zur Rückgabe im Sommer 1918 größtenteils als Exerzierplatz der türkischen Armee (Tiefen, S. 33).
Im Januar 1916 hatte der Mutessarif die Verhaftung und Beseitigung des Blindenlehrers und Bethesda-Leiters Choren angeordnet. Rechtzeitig gewarnt, flüchtete sich Choren mit den männlichen armenischen Jugendlichen in das Haus des Bürgermeisters Mustapha Agha (Tiefen, S. 14f.), der zeitweilig bis zu vierzig Armenier bei sich versteckte und beköstigte (Tiefen, S. 67). Christoffels Rückkehr trieb den Mutessarif zur Offensive. Am Morgen des Ankunftstages hatte er Bethesda gewaltsam räumen und, obwohl die dortigen sanitären Einrichtungen dafür ungeeignet waren und größere Häuser in Malatia zur Verfügung standen, die Missionsstation zu einem Lazarett für fleckfieberkranke Soldaten umfunktionieren lassen (Tiefen, S. 14).
Christoffel reagierte schnell und mutig: Er ließ die vertriebenen Kinder sofort aus der Stadt zurückholen und notdürftig in den Korridoren unterbringen. Das folgende Halbjahr bis zur Versetzung des Mutessarif im Herbst 1916 (Tiefen, S. 22) verging mit nervenaufreibenden Auseinandersetzungen mit dem Mutessarif, der Christoffel zeitweilig sogar mit Verhaftung, den Armeniern Bethesdas mit Deportation drohte (Tiefen, S. 20 f.). Die Intervention der deutschen Botschaft sowie türkischer Missionsfreunde bewirkten schließlich das Ende offener Angriffe durch die Lokalbehörden. Der nur sechs Monate amtierende Nachfolger des Mutessarifs stand sogar "in engem Freundschaftsverhältnis" zu Bethesda, dessen indifferenter Nachfolger hat die Missions weder behindert, noch gefördert (Tiefen, S. 22). Hinsichtlich des 1915 und 1916 in Malatia tätigen Mutessarifs besteht zwwischen der Einschätzung Bauernfeinds und Christoffels ein deutlicher Widerspruch: Während ihn Bauernfeind als "warmen Deutschenfreund" schilderte, erscheint er bei Christoffel als Angehöriger einer "deutschfeindlichen Cliqué", als "deutsch- und christenfeindlich" (Saat, S. 20). Bauernfeind dagegen lastete die in Malatia verübten Verbrechen an den Armeniern dem Stellvertreter des Mutessarifs sowie dem stellvertretenden Gendarmeriekommandanten an.
Christoffels Tätigkeit in Bethesda war bis zu seiner erzwungenen Abreise 1919 ganz auf die Rettung der überlebenden Armenier gerichtet. Mit Ausnahme derjenigen, die zum Islam übergetreten waren, war die armenische Bevölkerung Malatias ab dem 11. August 1915, dem Tag der Abreise der ausländischen Missionare aus Bethesda, deportiert worden (Tagebuch, S. 109). Aber von den Konvois aus nördlicheren Orten waren "einige Tausend" Kinder und Frauen in Malatia zurückgeblieben (Tiefen, S. 29), die unter extremen Bedingungen ihr Leben fristeten. Eine zweite Gruppe, für die Bethesda zur Zuflucht wurde, waren junge Armenier: „In den Bergen (südlich Malatias, die Hrsg.) nun lebten Tausende von versprengten Armeniern als Sklaven, als Odalisken, zum Teil auch, bei bessergesinnten (kurdischen; die Hrsg.) Kreisen, als rechtliche Hausgenossen. Wem es nun gelang, vielfach mit Lebensgefahr, zu entfliehen, der kam zu uns" (Tiefen, S. 28f.). Über zwanzig Armeniern gelang die Flucht nach Bethesda (ebenda).
Anderthalb Jahre leistete Christoffel seine Arbeit völlig ohne deutsche Mitarbeiter, dann traf im Sommer 1917 seine Nichte Hildegard Schuler ein, vorbereitet durch Kurse in Kinderpflege, Blindenarbeit sowie Türkisch. Sie starb allerdings schon im Herbst 1918 an Wundrose, im Alter von nur 22 Jahren. Anhaltender Geldmangel, Inflation, eine im Sommer 1916 wütende Choleraepidemie, Brennstoff- und Kleidermangel, das Fehlen von Haustieren, insbesondere einer Kuh, und von Ackerland bildeten weitere Erschwernisse. "Nun hat unser Haus höchstens Raum für 100 Pfleglinge, und das nach orientalischer Auffassung. Es ist dann schon stark überbelegt. Die Zahl aber der Bethesdafamilie hatte schnell 100 überschritten, schnell 200 erreicht, bis wir 240 waren, ohne die Selbstverpfleger. Mehr aufzunehmen war eine technische Unmöglichkeit. Mustafa Agha stellte uns drei Zelte zur Verfügung, die wir im Garten aufschlugen, so daß wir in den heißen Sommermonaten etwas mehr Raum hatten. (...) So wurde Bethesda eine Freistatt für viele Verfolgte und Bedrängte, aber verglichen mit der uferlosen Not war unsere Tätigkeit sehr gering. Wir hätten nicht Hunderte, sondern Tausende versorgen sollen" (Tiefen, S. 30). Nach Christoffels eigener Schätzung hat die Existenz Bethesdas in den Jahren 1916 bis 1918 etwa eintausend armenischen Frauen und Kindern das Leben gerettet (Tiefen, S. 114).
Nach der Einnahme Konstantinopels durch die Entente durften die deportierten Armenier in ihre Heimatorte zurückkehren, - ein freilich gefährliches Unterfangen, bei dem zahlreiche Armenierinnen getötet oder vergewaltigt wurden. Trotzdem verließen die meisten Armenier zu dieser Zeit Bethesda (Saat, S. 122). Auf Anordnung der interalliierten Kommission in Konstantinopel wurden nach Kriegsende sämtliche Deutsche aus dem Osmanischen Reich ausgewiesen, einschließlich der Missionare. Am 6. Februar 1919 erhielt Christoffel den dritten und endgültigen Ausweisungsbefehl, drei Tage darauf verließ er, gemeinsam mit seinen Pflegekindern Heinz, Otto und Liesel sowie der armenischen Blindenlehrerin Hajkanusch für immer Malatia. Über Samsun erreichte er Konstantinopel: „Der Internierung auf einem türkischen Schiff entging ich nur durch Flucht zu einer befreundeten armenischen Familie" (Saat, S. 125). Im Konstantinopler Internierungslager und bei der dreiwöchigen Überfahrt bis Bremerhaven übernahm Christoffel die Aufgabe eines evangelischen Lagerpfarrers (ebenda). Seine beiden armenischen Pflegesöhne Heinz und Otto mußte er in Konstantinopel zurücklassen; sie wurden ihm nach einer Denunzation durch einen zum Islam konvertierten armenischen Kaufmann aus Samsun von der britischen Botschaft weggenommen. Die fünfjährige kurdische Pflegetochter Liesel konnte er, wieder mit armenischer Hilfe, nach Deutschland bringen (Tiefen, S. 108 ff.), wo sie im Juni 1919 eintrafen.
Die Blindenmission Christoffels seit 1919
Zurück in Deutschland begann für Ernst Christoffel eine Zeit des Wartens und der Ungewißheit. Bethesda schien verloren, eine Einreise in die Türkei war für Deutsche unmöglich. Trotzdem glaubte er an eine Fortsetzung seiner Arbeit in der Türkei. Die Zeit sei reif für den "Dienst am Islam", warben die Schriften der Mission (14). Als 1924 eine Einreise in die Türkei wieder möglich wurde, fand sich Ernst Christoffel im Frühjahr desselben Jahres in Konstantinopel ein. Zwar scheiterten seine Verhandlungen um eine Wiederinbesitznahme Bethesdas, doch man bot ihm die Eröffnung eines Blindenheims in Skutari an. Voller Optimismus mietete und möblierte Christoffel ein Haus und forderte Mitarbeiter aus der Heimat an. Da zog die türkische Regierung plötzlich ihre Zusage zurück und das ganze Projekt fiel ins Wasser. "Wir aber standen vor dem Nichts" (Saat, S. 239), mußte Christoffel die Situation seiner Mission zusammenfassen.
Doch der tatkräftige Christoffel entdeckte schon im Sommer 1925 ein neues Missionsfeld, den Iran. Er schickte die drei neueingetroffenen deutschen Missionsarbeiter erst gar nicht nach Deutschland zurück, sondern reiste gleich mit ihnen in den Iran, wo zu jener Zeit keine einzige deutsche Missionsstation mehr bestand. Der Neuanfang in diesem für ihre Mission unbekannten Land bildete ein Wagnis: "Zunächst aus geldlichen Gründen. Der Verlust unseres ganzen unbeweglichen Eigentums in der Türkei, durch die Vertreibung von unserem Arbeitsfeld, der Verlust des größten Teils unserer Freundeskreise außerhalb des Reichsgebietes und der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands, hatte unsere finanzielle Lage ... stark getroffen" (Saat, S. 240 ). Die Deutschen hatten außerdem mit dem völligen Unverständnis der iranischen Umwelt für die Arbeit an Blinden zu kämpfen. Christoffel schuf ein neues Blindenalphabet für Persisch und mußte die in Malatia verloren gegangenen Braille- Alphabete für Armenisch und Türkisch rekonstruieren.
Ein erstes Heim wurde 1925 in Tabris, ein zweites 1928 in Isfahan eröffnet.
Der Zweite Weltkrieg zog das Werk stark in Mitleidenschaft. Das Heim in Tabris wurde zerstört, Christoffel geriet in Gefangenschaft. 1951 konnte das Heim in Isfahan wieder eröffnet werden. Ernst Christoffel, genannt der "Vater der Blinden im Orient", verbrachte dort seine letzten vier Lebensjahre. Ihm zu Ehren änderte der Vorstand nach Christoffels Tod den Namen der Mission in "Christoffel-Blindenmission im Orient" um. 1979 schlossen die iranischen Revolutionsführer die Missionsstation in Isfahan.
Seit Mitte der 1960er Jahre unterstützt die Mission Projekte zur Verhinderung von Blindheit in Afrika, Asien und Lateinamerika. Derzeit bringt sie, mit Hilfe von 400000 Spendern, jährlich ein Volumen von 67 Millionen Mark auf, mit dem 1200 Projekte in einhundert Ländern gefördert werden.
Personae dramatis - Handelnde Personen im Malatia der Jahre 1915 bis 1919
Armenische Protagonisten
Choren
selbst fast blind, war Blindenlehrer in Bethesda. Er diente Bauernfeind bei seinen Gesprächen mit türkischen Offiziellen häufig als Dolmetscher. Nach Bauernfeinds Abreise im August 1915 bis zu Christoffels Eintreffen im April 1916 leiteten Choren und Makruhi gemeinsam das Missionshaus.
Chosroff Effendi Kescheschian
Chosroff Effendi, Apotheker am Ort, zählte zu den Vertrauten der Bethesda-Missionare. Er gehörte zur Parteileitung der Daschnakzutiun in Malatia und wurde am 26. Mai 1915 als einer der ersten Armenier dieser Stadt festgenommen, angeblich, weil er ein Gewehr versteckt hatte. Nach Ablieferung einer eigens gekauften Waffe kam er wieder auf freien Fuß. Am 29. Mai wurde Chosroff Effendi erneut vorgeladen: „Er lag jetzt krank und zusammengeklappt im Bett, (...) nahm nicht gerade eine männliche Haltung ein" (Tagebuch, 29. Mai 1915). Bauernfeind setzte sich für den "Hausfreund" Chosroff Effendi ein, als dieser erneut verhaftet wurde, ließ sich aber vom Muhasebedschi (Rechnungsrat, die Hrsg.) bald überzeugen, daß Chosroff ein gefährlicher Revolutionär sei: „Keiner, dem man trauen kann ..." (Tagebuch 3. Juni 1915 ).
Unter der Folter nannte Chosroff Effendi " (...) einen Ort in Babucht (...) wo Waffen versteckt sein sollen. Dort hat man ihn gestern hingeführt und 4 Stunden vergeblich gegraben. Außerdem soll Chosroff Effendi Gift genommen haben (...) " (Tagebuch, 8. Juni 1915 ). Sein Selbstmordversuch mißlang. Hans Bauernfeind setzte sich in seinem Brief an den Gouverneur von Malatia vom 9. Juni 1915 auch für Chosroff Effendi ein - vergebens. Er wurde im Juni 1915 ermordet.
Gabriel Effendi
war Rechtsanwalt in Malatia und beriet die deutschen Missionare bei Rechtsstreitigkeiten. Im Mai 1915 wurde er ins Gefängnis geworfen. Hans Bauernfeind schrieb am 29. Mai 1915 in sein Tagebuch: „Auf dem Rückweg traf ich Gabriel Eff(endi), der auch gerade aus dem Gefängnis kam, von wo er unter der Bedingung freigegeben war, bis heute ein Gewehr abzugeben. Er wollte nun sehen, irgendwo eines kaufen oder leihen zu können, sonst meinte er sterben zu müssen." Eintrag vom 31. Mai: "Gabriel Effendi hat ein Gewehr seines verstorbenen Schwagers ausgeliefert, da er selber keines zu haben behauptet - was wir ihm glauben - ist daraufhin vorläufig freigelassen; es wird aber sein eigenes gefordert. Auch er ist geschlagen, wenn auch auf die leichteste Art, mit einigen schwachen Schlägen auf den Kopf; das erscheint besonders roh, weil er als Rechtsanwalt sein ganzes Leben der Regierung seine Kraft gewidmt hat und bei den Armeniern als halber Türke gilt."
Am 13. Juni 1915 wurde Gabriel Effendi wieder ins Gefängnis geworfen. Er sollte es nicht mehr lebend verlassen.
Garabed Tschaderdschian
war seit etwa 1910 der Koch und Einkäufer der Blindenmission in Bethesda und lebte mit seiner Frau Makruhi und seinen Kindern Willi (Chad, eigentl. Chaderdjian, starb 1989 in den USA ) und Viktoria im Missionsgebäude. Garabed hatte " (...) durch seine Treue und seine Gewandheit (...) ein großes Verdienst an der Entwicklung Bethesdas" ( Tiefen, S. 16 ).
Am 6. April 1915 wurde er verhaftet und entwaffnet ( er übte Gendarmen-Funktion aus), kam aber vorerst wieder frei. Im Juni 1915 wurde Garabed, wie die anderen armenischen Männer Malatias, getötet. Bauernfeinds Ungeschicklichkeit und Autoritätsgläubigkeit verhinderten möglichlicherweise seine Rettung (Tagebuch, 19. April 1915). Bauernfeind hatte zu ihm wie zu allen Armeniern ein höchst zwiespältiges Verhältnis: Als sich nach Garabeds Tode herausstellte, daß jener ein bescheidenes Sümmchen gespart und nicht bis auf den letzten Para der Mission geborgt hatte, spricht Bauernfeind von "unsagbarem Geiz", "gemeinstem Verstecken-Spielen" und " Betrug" (Tagebuch, 5. Juli 1915 ).
Heinz, Otto und Liesel
sind die drei "Adoptivkinder" Ernst Christoffels, die er nach seiner Rückkehr 1916 in Bethesda aufgenommen hatte. Heinz, im Jahre 1919 etwa 9 Jahre alt, war ein Bruder des ermordeten Bethesda-Mitarbeiters Krikor. "Von einer zahlreichen Familie war er und eine Schwester, die sich nach unserer Abreise wiederfand, übriggeblieben. Als ich im Frühjahr 1916 nach Malatia zurückkehrte, hörte ich, daß er bei einem kurdischen Bauern die Schafe hütete. Aus diesem Sklavenverhältnis hatte ich ihn herausgeholt" ( Tiefen, S. 77f. ).
Otto, ein damals siebenjähriger Armenier, war 1916 von einer Türkin, die ihn auf der Straße aufgelesen und für ihn gesorgt hatte, nach Bethesda gebracht worden. "Seine armenische Sprache hatte er ganz vergessen und glaubte sich Türke" ( Tiefen, S. 78 ).
Als Christoffel 1919 seine "Adoptivkinder" nach Deutschland bringen wollte, nahm Ottos Stiefbruder, Baron David, Otto zu sich. Heinz wurde Christoffel auf Betreiben der britischen Botschaft und des armenischen Patriarchats ebenfalls genommen, was Christoffel als Unrecht empfand. Wie Bauernfeins Tochter in einem Brief vom 1. Januar 1990 mitteilte, gelangte Otto später doch noch nach Deutschland und wurde von Christoffels Schwester Maria adoptiert, was dem ehelosen Christoffel auf Grund der deutschen Adoptionsgesetze verwehrt war. Unter dem Namen Otto Christoffel wurde der junge Armenier Lehrer für Taubstumme und lebte 1990 als Rentner in Neuwied.
Liesel, eine 1919 etwa sechsjährige Kurdin, war bereits als Säugling nach Bethesda gekommen. Christoffel konnte sie als einziges seiner "Adoptivkinder" 1919 nach Deutschland bringen.
Krikor
Ihn beschrieb Ernst Christoffel so: "Krikor war eigentlich der Stalljunge, war aber allmählich durch seine Anstelligkeit der Junge für alles geworden. Stall, Garten, Hof, Weinberg, das war alles seine Domäne. Daneben fand er noch Zeit mein Privatzimmer in Ordnung zu halten und mich zu betreuen. Er hatte heißes, kochendes Blut, und im Jähzorn kannte er sich nicht, daneben war er wie ein Kind leicht zu leiten, war treu wie Gold und hatte ein tiefes, unendlich fein empfindendes Gemüt" ( Tiefen, S. 16f. ).
Im Jahre 1915 dürfte Krikor etwa 18 Jahre alt gewesen sein. Am 27. Mai 1915 wurde er "Soldat geschrieben" (Tagebuch, 27.Mai 1915), am 4. Juni verhaftet und in der Kaserne eingesperrt. Am 7. Juni gelang es Bauernfeind, ihn wieder herauszuholen. Doch am 30. Juni traf auch Krikor das allgemeine Schicksal seiner Landsleute in Malatia - er wird zusammen mit anderen armenischen Soldaten, darunter sein siebzehnjähriger Bruder, in einen Chan gesperrt und kurz darauf ermordet.
Dr. Mikael Effendi Tschanian
Dr. Mikael , Geschäftsmann, Bruder von Chosroff Effendi, verheiratet mit Frau Veronika, gehörte zur protestantischen Gemeinde Malatias. Am 7. Juni 1915 wurden Dr. Mikael und sein Sohn Mihran verhaftet und " (...) in das Gefängnis gesteckt, wo 150 Leute in einem ganz kleinen, niedrigen Raum ohne Fenster und jegliche Ventilation zusammengepfercht sind (...) " (Tagebuch, 8. Juni 1915).
Hans Bauernfeind setzte sich, erfolglos, für Dr. Mikael und seinen Sohn ein. Beide wurden im Juni 1915 ermordet. Frau Veronika versuchte am 13. Juni 1915 nach Mesereh zu fliehen. Auf dem Weg dahin wurde sie vollständig ausgeraubt. Hans Bauernfeind sah sie noch einmal wieder - sie befand sich unter den Deportierten aus Mesereh, die am 13. Juli 1915 durch Malatia zogen.
Badwelli (Patweli) Trdat Tamrasian
der protestantische Pfarrer in Malatia, hatte Bethesda die angrenzenden Grundstücke überlassen. Im Juni 1915 drängte "Badwelli" (Pfarrer) Tamrasian Bauernfeind und seine Frau wiederholt und eindringlich, mit ihm im Gefängnis den Gefangenen zu predigen und beizustehen: „Wir erkennen seine Absicht sehr an, halten aber beides für ebenso unmöglich wie aussichtslos, gerade jetzt." (Tagebuch, S. 32 ). Auch Badwelli Tamrasian wurde im Juni 1915 verhaftet und fiel wahrscheinlich den Massakern zum Opfer. Im Bericht des amerikanischen Konsuls Davis von 1918 (Province, S. 205) ist allerdings von einem “Badveli Dertad Tamzarian” die Rede, der ihm im Jahre 1916 in Charberd bei der Versorgung von Überlebenden half.
Türkische Protagonisten
Habesch
war ein blinder Türke und einer der ältesten Bethesdapfleglinge. Er leistete
der Mission in der schwersten Zeit unschätzbare Dienste: Während der
Massenverhaftungen von Armeniern im Mai und Juni 1915, als man nicht
mehr wagte, die armenischen Mitarbeiter der Station auf den Markt zu
schicken, erledigte Habesch trotz seiner Blindheit alle Einkäufe. Zur Zeit der
großen Hungersnot in Malatia, in den Jahren 1916 und 1917, gelang es
Christoffel nicht zuletzt dank Habesch seine Schützlinge durchzubringen: „Die
Beziehungen unseres blinden Habesch haben uns da oft gute Dienste getan.
Er verstand es, bei seinen Bekannten bald hier einen Scheffel Gerste, bald
dort einen Sack Mais oder eine Fuhre Kürbis ausfindig zu machen und zu
kaufen" ( Tiefen, S. 32 ).
Als Christoffel im Februar 1919 Bethesda verlassen mußte, lag Habesch
bereits totkrank im Bett und starb wenige Wochen später an der Schwindsucht.
Christoffel schrieb 1921: „Wir werden ihn in dankbarem Gedenken behalten,
als einen, der in schwerster Zeit Bethesda die Treue hielt und diente, trotz
Hohn und Anfeindung vieler seiner mohammedanischen Glaubensgenossen" (Tiefen, S. 15 ).
Haschim Beg
türkischer Grundbesitzer, Nachbar Bethesdas und einflußreicher Mann in
Malatia, gehörte, laut Mustapha Agha zu den "Hauptmachern", das heißt
Drahtziehern der Verhaftungen und Massaker. Haschim Beg zog daraus auch
direkten Nutzen; er und seine Söhne bereicherten sich am Eigentum der
getöteten Armenier (Tagebuch, 8. Juli 1915 ). In der Rückschau stellte
Christoffel fest: "Es war eine der ersten Familien der Stadt (...). Der Vater
(Haschim Beg, die Hrsg.), der Deputierter war, und zwei seiner Söhne
gehörten zu den Führern der Clique, die in Malatia die Vernichtung der
Christen inszeniert hatten" (Tiefen, S. 62 ).
Müfetisch
Obwohl nur zweifach in Bauernfeinds Tagebuch erwähnt, scheint dieser aus
Konstantinopel entsandte Inspektor für den Ablauf des Völkermordprogramms
in Malatia von zentraler Bedeutung gewesen zu sein, ein Zusammenhang, den
Bauernfeind allerdings nicht begriff. Der Müfetisch traf zur Zeit des
Interregnums zwischen den Amstszeiten der beiden Mutessarifs ein, offenbar
als Deportationsinspektor. In die Zeit seines Aufenthalts in Malatia fielen die
massenhaften Haussuchungen, Festnahmen, Folterungen und die Ermordung
der armenischen Männer der Stadt. Seiner offenbar herausragenden Stellung
wegen wurde der Müfetisch am 6. Juni 1915 mit großem Gepränge in Malatia
verabschiedet, unter gleichzeitiger Freilassung von Strafgefangenen, die kurz
darauf die blutige Massakerarbeit übernahmen.
Die Erwähnung des Müfetisch durch Bauernfeind ist historisch insofern
wichtig, als sie zumindest die Ansätze eines Inspektorensystems zur Zeit des
Ersten Weltkriegs und der jungtürkischen Herrschaft belegt, dessen Existenz
zu dieser Zeit von einigen Wissenschaftlern, darunter Stanford Shaw,
bestritten wird.
Muhasebeschi
Rechnungsrat in Malatia, wird in Bauernfeinds Tagebuch mehrfach erwähnt.
Bauernfeind pflegte mit ihm recht vertrauten Umgang. Der Muhasebedschi
gehörte zu denen, die Bauernfeind immer wieder erfolgreich die offizielle
türkische Propaganda zur Armenierfrage vermittelten.
Mustapha Agha Asis Oghlu
der "Bellede Reis" (eigentlich: Belediye reisi :Stadtoberhaupt oder
Bürgermeister) von Malatia war für das Schicksal Bethesdas und seiner
Bewohner von herausragender Bedeutung. Ernst Christoffel schrieb über
ihn: „Er war der Bürgermeister Malatias und entstammte einem vornehmen
Geschlecht, das vor längerer Zeit aus Bagdad eingewandert war. (...) Mustafa
Agha war ein alter Freund Bethesdas. Seit Beginn der Arbeit hatte er dieselbe
protegiert. In vielen schwierigen Lagen hatte er sich für uns und unsere Arbeit
eingesetzt, so besonders zur Zeit der Adanamassaker im Jahre 1909. Auch in
Malatia sollten damals Christen und Missionare massakriert werden. Damals
sagte Mustafa Agha zu mir: 'So lange ich lebe, geschieht euch nichts.'
Allerdings stand, wie später bekannt wurde, auf der Liste der vor dem allgemeinen
Massaker zu Ermordenden sein Name noch vor dem unsern. - Die
verhältnismäßig ruhige Entwicklung Bethesdas bis zum Ausbruch des
Weltkrieges wäre ohne sein tätiges Wohlwollen nicht denkbar gewesen, und
wir haben es stets als Freundlichkeit Gottes angesehen, daß unsere Arbeit
solche Freunde hatte" (Tiefen, S. 64 ).
Schon kurz nach der Ankunft der Christoffel-Geschwister in Malatia 1909
offenbarte sich ihnen also Mustafa Aghas humanistische Gesinnung: Sein Name stand auf der schwarzen Liste zu ermordender Persönlichkeiten, weil er zu den " (...) einflußreichen Türken" gehörte, "von denen man wußte, daß sie sich für den Frieden der Nationen einsetzten" (Saat, S. 66 ). Von Mustapha Agha erfuhren die Neuankömmlinge zuerst von den "zilizischen Blutbädern". "Er (Mustapha Agha, die Hrsg.) erzählte mir, (...) daß in Zilizien, Adana und Tarsus Christenmassaker stattgefunden hätten, denen viele tausend Christen zum Opfer gefallen seien. Da unser Freund als echter Orientale zur Übertreibung neigte, schenkte ich seinen Mitteilungen nicht vollen Glauben. Dennoch entsprach das Gesagte den Tatsachen, ja es blieb noch weit hinter der blutigen Wirklichkeit zurück" ( Saat, S. 65 ).
Hans Bauernfeind erlebte mit Mustapha Agha viele Situationen, die der oben
geschilderten aus dem Jahre 1909 glichen. Wieder war der Bürgermeister der
erste und einzige, der den Deutschen gleich zu Beginn der armenischen
Verfolgungen die Tragweite der Ereignisse klarzumachen und sie über die
Vorgänge in der Stadt zu informieren versuchte. Wieder stieß er bei ihnen auf
Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit. Doch Bauernfeind, anders als Christoffel, war bis zu seiner Abreise im August 1915 nicht in der Lage oder willens zu begreifen, wie sehr Mustapha Aghas angebliche Kassandrarufe der "blutigen Wirklichkeit " entsprachen. Mehr noch: Je deutlicher die Anzeichen für eine allgemeine Vernichtung und Verschickung der Armenier Malatias wurden, je offensichtlicher Mustafa Aghas Informationen von der Realität gestützt wurden, desto entschiedener stempelte Hans Bauernfeind den Bürgermeister als wahnsinnig ab.
Bauernfeind bemängelte in seinem Tagebuch öfters Mustapha Aghas
armenierfreundliche Haltung und hielt ihn für keinen zuverlässigen Gewährsmann. Er stünde " (...) ganz unter dem armenischen Einfluß und auf ihrer Seite" (Tagebuch, 9. Juni 1915 ), ja er sei " (...) wegen seiner Christenfreundschaft als 'Gjaur' verhasst und gefährdet" (Tagebuch, 7. Juli 1915). Der aufrechte Bürgermeister, der deutlich sah, welcher Katastrophe für das armenische Volk sie beiwohnten, verstand die passive Haltung der deutschen Missionare nicht. Für Äußerungen wie "Die Armenier warten alle auf euch, daß ihr sie erlöst " (Tagebuch 9. Juni 1915) erntete er bei
Bauernfeind nur Unverständnis.
Mustapha Agha beschränkte sich nicht auf die Kommentierung des Geschehens, er rettete tatkräftig die Leben vieler Armenier. Nach Christoffels Rückkehr stellte er sich beim Kampf um die Rettung Bethesdas an dessen Seite und unterstützte ihn materiell. 1921 wurde er wegen seines Einsatzes für die armenischen "Gjaur" von
einem seiner Söhne ermordet.
Mutessarif
Hans Bauernfeind erlebte in seiner Zeit in Malatia die Amtszeit zweier
Mutessarifs (Gouverneure). Der "alte" Mutessarif, ein 57jähriger Türke namens Muhaff, wurde am 3. Juni 1915 nach Konstantinopel abberufen - angeblich aufgrund einer Intrige des Walis von Mesereh (Tagebuch, 21. Mai 1915 ).Nach einer späteren Version sei er abberufen worden " (...) nach einem neuen Gesetz, das bestimmt, daß
die Beamten, welche über 25 Jahre ein Amt bekleiden, abzurufen und erst in
Konstantinopel über ihre Dienstfähigkeit geprüft werden müssen" (Tagebuch
28. Mai 1915 ). Der "alte Mutessarif" äußerte sich kein einziges Mal kritisch zu
den bereits im Mai und Juni 1915 in großem Maßstabe vor sich gehenden
Massenverhaftungen, Folterungen und Ermordungen armenischer Männer. Er
bemühte sich vielmehr, seinen "Freund" Bauernfeind von der Schuld der
Armenier zu überzeugen und ihn von jeder proarmenischen Aktion abzuhalten:
"Ich sprach privatim mit dem alten Mutessarif über all die Fälle (von Verhaftungen, die Hrsg.). Er riet mir dringend ab, mich für jemanden zu verwenden. Es gehe alles nach den erlassenen Gesetzen (...) " (Tagebuch, 1. Juni 1915 ). Bauernfeind pflegte ein sehr enges Verhältnis zum Mutessarif: Er besuchte ihn und seine Frau regelmäßig und nannte ihn liebevoll "unser Mutessarif". Als die Bauernfeinds im August 1915 auf ihrer Rückreise nach Deutschland kurz in Konstantinopel Station machten, fanden sie noch die Zeit, "ihren Mutessarif" zweimal zu besuchen.
Während des kurzen Interregnums bis zur Ankunft des neuen Mutessarif
führte der Kaimakam (Landrat ) von Arrha die Amtsgeschäfte, die vor allem in
der Organisation der Massenverhaftungen und Ermordungen der armenischen
Männer bestanden. An ihn richtete Bauernfeind seinen Protestbrief vom 9.Juni
1915, in dem er sich gegen die Verhaftung protestantischer Armenier und
gegen "Auswüchse" bei den Verhaftungen in Malatia wandte.
Als am 20. Juni 1915 schließlich der neue Mutessarif aus Konstantinopel
eintraf, gab es schon " (...) kaum noch freie Armenier (...) " (Tagebuch, 23.
Juni 1915) in Malatia. Dieser Akt der armenischen Tragödie war in Malatia
beendet. Dem neuen Mutessarif oblag nun die Ermordung der armenischen Gefangenen und Arbeitssoldaten sowie die Durchführung der Deportation der armenischen Bevölkerung Malatias.
Der neue Mutessarif, ein 45jähriger Kurde, reiste mit Frau und fünf Kindern aus
Konstantinopel an. Gleich nach der ersten, kurzen Begegnung war Bauernfeind von ihm angetan: "Der neue Mutessarif (...) gefiel mir nicht übel. Er ist keiner von den modernen Schwätzern, sondern offenbar ein Mann von innerer Bildung und ernster Lebensauffassung" (Tagebuch, 22. Juni 1915). Nach der zweiten Begegnung, schrieb Bauernfeind, bereits euphorisierter: "Er gefiel uns wieder sehr. Ernst , freundlich, männlich, von innen heraus höflich und gebildet, warmer Deutschfreund. Er stammt aus einem vornehmen Kurdengeschlecht aus der Muscher Gegend" (Tagebuch 23. Juni 1915).
Bauernfeinds Begeisterung für den neuen Mutessarif wurde auch dadurch
nicht getrübt, daß in seine Amtszeit die massenhafte Ermordung der
männlichen Armenier Malatias fällt, auch die seiner Mitarbeiter Krikor und
Garabed. Dem psychologisch geschickt agierenden Beamten gelang es
spielend, den naiven und obrigkeitshörigen Pastor Bauernfeind um den Finger
zu wickeln und zu beeinflussen: Dem Mutessarif täte es unendlich leid, daß
"(...) das ganze (armenische, die Hrsg.) Volk um weniger Schuldiger willen
leiden müsse, doch solange nicht alles an den Tag gekommen sei, läge in der
Strenge die größte Milde. Er bitte uns inständig, ihm zu helfen, ihm alles zu
sagen, was wir meinten und wüßten. (...) um der Wahrheit und Gerechtigkeit
willen täte er seine Pflicht" (Tagebuch, 24. Juni). Wenige Tage später
begannen das Massaker an den Armeniern Malatias. Hans Bauernfeind
schrieb in sein Tagebuch, der Mutessarif schäme sich deswegen "(...) in
Grund und Boden", aber er sei völlig "(...) in der Hand des Volkes" (Tagebuch,
2. Juli 1915). Am 10. Juli 1915 bereitete ihn der Mutessarif durch das
Auftischen einer neuen armenischen Verschwörungslegende auf die baldige
Deportation aller Armenier Malatias nach "Urfa" vor. Bauernfeind hatte großes
Mittleid - mit dem Mutessarif: "Er machte einen schwer kranken Eindruck. (...)
der ganze Mann binnen der kurzen Zeit seines Hierseins völlig erschöpft und
gebrochen" (Tagebuch, 10. Juli 1915 ). Dieses bewußte Ignorieren des
offensichtlichen Zusammenhanges zwischen den Vorgängen in Malatia und
der Verantwortung, die der Mutessarif als oberster Beamter in der Stadt dafür
tragen mußte, bestimmte Bauernfeinds Haltung bis zu seiner Abreise. "Die
Sache stellt sich uns immer klarer so dar, daß neulich die Massenmorde und
sonstigen Ungesetzlichkeiten nur während der Zeit des Stellvertreters und von
ihn noch insceniert, in den Tagen der schweren Erkrankung des Mutessarif
vorgekommen sind" (Tagebuch, 5. August 1915 ). Bauernfeinds abschließender Eindruck: " Ein strenger, gerechter, unbestechlicher Beamter (...)" (Tagebuch, 11. August 1915 ).
Hinsichtlich der Einschätzung des Mutessarif klafft zwischen den Aussagen
Bauernfeinds und denen Christoffels ein deutlicher Widerspruch: Für
Christoffel war der Mutessarif kein "warmer Deutschenfreund", sondern
Angehöriger einer "deutschfeindlichen Cliqué" sowie "deutsch- und
christenfeindlich" (Saat, S. 20).
Kommandant Nadin Beg
Der Gendarmerie- (Saptieh)kommandant von Malatia, von Bauernfeind als " (...) feiner, fröhlicher und doch ernster Mensch (...) " (Tagebuch, 26. Mai
1915) beschrieben, leitete die Verhaftungen und Folterungen der armenischen Männer Malatias bis zu seiner Abberufung nach Mesereh am 17. Juni. Am 6. August kehrte er " (...) im Rang erhöht nach Malatia zurück" (Tagebuch, 8. August 1915 ).
Sonstige
Miss Graffen (Graffam)
Ihr wirklicher Name, den Bauernfeind nie korrekt wiedergab, lautete Mary L.
Graffam. Die Amerikanerin tauchte am 21. Juli 1915 in Hans Bauernfeinds
Leben und Tagebuch auf. Sie war Mitarbeiterin der amerikanischen Mission in
Siwas und begleitetete die Siwasarmenier auf ihrem Deportationszug. In
Malatia wurde ihr das Weitergehen verwehrt. Miss Graffam blieb in Bethesda
und war bereit, das Heim nach der Abreise der Bauernfeinds weiterzuführen.
Doch der Mutessarif verbot ihr schroff in Malatia zu bleiben. Sie reiste daher mit
Bauernfeinds bis Siwas und blieb dort, um sich im Schweizerischen Waisenhaus, mitlerweile geführt von der amerikanischen Mission, um armenische Waisen zu kümmern: Bauernfeind trug am 17. August 1915 in sein Tagebuch ein: "Miss Graffen war gestern auch beim Wali. (...) Er will Miss Graffen jetzt nicht mit uns nach Konstantinopel reisen lassen. Sie solle noch etwas hier (in Siwas, die Hrsg.) bleiben: er wolle zu ihr kommen u(nd) mit ihr die Angelegenheit der Waisen regeln" (S. 119f.). Als Ernst Christoffel im Februar 1919 heimwärts reiste, traf er sie, die "derzeitige Leiterin der amerikanischen Missionsstation" ( Tiefen, S. 92) noch in Siwas an: "Miss G.(raffam, die Hrsg.) war überhäuft mit Arbeit. Sie war auf der Station allein. Nach der Eröffnung des Waisenhauses sammelten sich aus dem ganzen Distrikt versprengte armenische Waisen an. Bald waren mehrere Hundert beisammen, täglich kamen neue dazu" (Christoffel, Tiefen, S. 92 ).
Mary Graffam zeichnete 1919 ihre Erlebnisse in der Türkei auf (15). Diese Schilderung über die Deportation der Siwasarmenier, die sie bis nach Malatia begleitet hatte, geben ein völlig anderes Bild wieder, als die Wiedergabe bei Bauernfeind vermittelt. Sie schreibt von massenhaften Ermordungen und Mißhandlungen schon auf der Strecke bis Malatia. Unklar wird wohl letztlich bleiben, ob sie selbst es für angebracht hielt, Bauernfeind eine harmlose Version zu übermitteln, oder ob Bauernfeind zensierend eingriff. Auch ihren dreiwöchigen Aufenthalt in Malatia schilderte sie:”The governor in Malatia ordered Miss Graffam to appear before him. The following day she helplessly looked out from a nearby orphanage and watched as her girls and people filed by. (...) For three weeks, Mary L. Graffam remained in Malatia, which she thought to be the counterpart of the worst description of hell. The sights were terrible. At first, the Turks murdered the Armenians in the street. There was so much blood, though, that they strangled the victims with ropes and took them away at night. They left most unburied. Every afternoon, two or three thousand Armenians passed Miss Graffam’s house. She kept carbolic acid on the window sills to keep the stench of the dead from drifting in the house. ‘The sky was black with birds and there were hosts of dogs, feeding on the bodies. You could tell’, she added, ‘where a massacre had taken placed by the migration of birds and dogs.’” (16)
Hans Bauernfeinds Tagebuch
Bauernfeind verstand sein Tagebuch spätestens ab dem 22. März 1915 nicht mehr als private Aufzeichnung, sondern als notwendige Korrektur zur offiziellen deutschen und türkischen Kriegsberichterstattung. Er schrieb also mit dem Anspruch, als Kenner der Vorgänge im Landesinneren meinungsprägend zu wirken und begriff sich, im Frühjahr 1915, als konstruktiv-kritischen Zeitzeugen:
"Da die Zensurbehörde Mitteilungen über die wahren, mit der Mobilmachung zusammenhängenden Zustände im Innern der Türkei trotz meines vorsichtigen, die aufrichtigen Bemühungen der Regierung stets bereitwillig anerkennenden Tones nicht durchgehen läßt, sehe ich mich gezwungen, alle diesbezüglichen Eindrücke in einem Sonderheft niederzulegen, welches ich dann nach dem Kriege der Post übergeben werde. Die neulich gestrichenen Stellen aus meinem Tagebuch sind ja später aus dem Original nachzulesen.
Mir liegt natürlich nichts ferner, als die Osmanische Regierung herabsetzen zu wollen. Nur sehe ich eine große Gefahr in dem üblichen Fehler, sich durch die Beobachtungen an der Oberfläche (...) täuschen zu lassen über die wahren Verhältnisse im Innern, die doch schließlich als Grundlage angesehen und für die Beurteilung maßgebend sein müssen. Die gewöhnlichen Selbsttäuschungen in dieser Beziehung sind verhängnisvoll zunächst für die angestrebten Reformen, die einen offenen klaren Blick in die vorhandenen Schäden als erste Bedingung erfordern und auch für uns, die wir auf die Bundesgenossenschaft mit der Türkei für die Zukunft unseres Landes so große Hoffnungen setzen" (Tagebuch S. 1).
Nach seiner Ankunft in Konstantinopel Ende August 1915 legte er seine Aufzeichnungen der deutschen Botschaft vor: „Mein Tagebuch fand großes Interesse. Die Botschaft wird es mir nach gründlicher Kenntnisnahme nachschicken" (30. August 1915, S. 130). Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (Berlin) finden sich Hinweise darauf, dass Bauernfeinds Tagebuch tatsächlich von der Botschaft Konstantinopel nach Berlin übermittelt wurde und dort ein Jahr später dem Reichskanzler zugestellt wurde. Im Begleitschreiben des Oberhofpredigers Dryander vom 17. August 1916 heißt es:
„Der bisherige Leiter des deutschen Marineheims in Yeniköy am Bosporus, Pastor Hans Bauernfeind, hat vor seiner Abreise von Constantinopel die anliegende Tagebuchabschrift der dortigen Kaiserlichen Botschaft mit der Bitte übergeben, sie mit sicherer Gelegenheit nach Berlin befördern und dort an ihn selbst oder in seiner Abwesenheit an Eure Excellenz aushändigen zu lassen. Da Pastor Bauernfeind nicht mehr in Berlin anwesend ist, darf ich das Tagebuch seinem Wunsch entsprechend hiermit Eu. p.p. erg?ebenst? übersenden. Ich gehe dabei von der Voraussetzung aus, dass Herr Bauernfeind von jeder Verwertung des Inhalts seiner Aufzeichnungen während der Dauer des Krieges Abstand nehmen wird. (…)“
Eine maschinenschriftliche Randnotiz gibt interessante Auskunft, wie Bauernfeinds Tagebuch politisch eingestuft wurde: „Das Tagebuch ist im allgemeinen türkenfreundlich gehalten. Auch in der Armenierfrage nimmt der Verfasser einen gemäßigten Standpunkt ein. Doch dürfte wegen viler [sic! D. Hrsg.] unerfreulicher Einzelheiten Veröffentlichung während des Krieges nicht erwünscht sein. (...)“ [Hervorhebung d. Hrg.]
In einer handschriftlichen Erklärung vom 14.08.1916 bestätigte Hans Bauernfeind, dass er von seinen Aufzeichnungen keinen Gebrauch machen wolle (Quelle: PA/AA, IA Türkei 183, Armenien Bd. 44, Mikrofiche Nr. 7151). Er fügte sich damit den in Deutschland in Hinblick auf die Armenien- bzw. Türkeiberichterstattung geltenden Zensurbestimmungen. Die im Tagebuch wiederholt auftauchende Ankündigung Bauernfeinds, in Deutschland "Zeuge der Wahrheit" zu werden, hat er weder während noch nach dem Ersten Weltkrieg in die Tat umgesetzt, denn er ist unseres Wissens nach niemals mit seinen Erfahrungen aus dem Jahr 1915 an die Öffentlichkeit getreten. Sein einziger, uns vorliegender gedruckter "Bericht aus 'Bethesda'" deckt den Zeitraum November 1911 bis Februar 1912 ab (veröffentlicht im Juni 1912).
Obwohl das Tagebuch ursprünglich für den öffentlichen oder zumindest behördlichen Gebrauch in Deutschland verfaßt wurde, legte sich Bauernfeind keinerlei Hemmungen bei Werturteilen auf. Dies galt besonders für seine unverhohlene Antipathie gegen Armenier.
"Ein gefährliches und verdächtiges Volk": Bauernfeinds Armenierbild
Bauernfeinds unüberwindliche Abneigung speiste sich aus einer eurozentristischen, speziell deutsch-protestantischen Überheblichkeit gegenüber orientalischen Christen, aber auch aus Sozialneid, wie er auch Bauernfeinds Äußerungen über die amerikanische Missionsarbeit prägte. Insgesamt wurde keine der gängigen zeitgenössischen Vorurteils-Stereotypen ausgelassen, selbst wenn diese im Widerspruch zueinander stehen: Bauernfeinds Armenier sind gleichzeitig weichlich, unmännnlich, intrigant, zänkisch, würdelos, raffgierig, betrügerisch, aber auch gefährlich und politisch unzuverlässig. Sämtliche von Bauernfeind den Armeniern zugeschriebenen Eigenschaften und Untugenden wurden übrigens schon damals, besonders aber zur Zeit des Nationalsozialismus auch den Juden angelastet, und der Vergleich zwischen beiden Völkern findet sich bei Bauernfeind nicht zufällig. Trotz seiner Augenzeugenschaft bei der Vernichtung der Armenier und seiner zeitweilig sehr klaren Einsicht in die Verantwortung der Regierung hat Bauernfeind seine Vorurteile nie revidiert und brachte, kurz vor seiner Ausreise aus der Türkei, sogar Verständnis für die türkische Vernichtungsabsicht auf. Völliges Unverständnis zeigte er gegenüber dem Bedürfnis der Armenier nach Selbstverteidigung, ihre nach den Massakererfahrungen von 1894-96 und 1909 allzu berechtigten Ängste vor neuen Verfolgungen tat er als bloße Hysterie ab.
Selbst die Tatsache, daß sich die Tätigkeit der Mission ganz auf die Unterstützung von Armeniern stützte, konnte seine festen Vorurteile nicht aufbrechen: Armenier dienten ihm und anderen Missionaren als Dolmetscher, Rechtsberater, Dienstboten, auf Reisen als Kutscher und Herbergsväter, in Krisenzeiten als Lebensretter. Vor diesem Hintergrund wirken die folgenden Zitatbeispiele besonders empörend.
28. Mai 1915 - (...) Die Weichlichkeit und gegenseitige Verräterei und fortwährende Betrügerei raubt natürlich (sic!) der Regierung jeden Rest von Achtung und Vertrauen den Armeniern gegenüber. (...) (Seite 15)
(...) Ein wie gefährliches, vom Mutterleib an vergiftetes Volk die Armenier sind, sahen wir auch gestern wieder an den Ansichten, die Juraper und Nektar (zwei unserer Schülerinnen) in ihrem letzten Aufsatz aussprachen, natürlich unter Haiganuschs und überhaupt der weiblichen Erwachsenen Einfluß. Das Thema lautete: „Was merken wir hier in Malatia von den Nöten des Krieges?." Inhalt: Eine Schilderung der Grausamkeiten der Regierung gegenüber den unschuldigen Armeniern! (...) Die Wahrheit wird gehaßt und kommt gegen das Gift des Hasses nicht auf. Der feste Punkt der armenischen Geschichte ist das Massaker 1895/96; diese Erinnerungen beherrschen alles und werden als heiligstes Nationalgut von Glied zu Glied vererbt. Wie wenig damals "Märtyrertum" dabei gewesen sein kann und wieviel aufrührerische Umtriebe voraufgegangen sein müssen, das sieht man jetzt zur Genüge. Die Maßregel entspricht der Roheit und dem sittlichen Tiefstand des ganzen Landes, aber begreiflich ist es, daß der Regierung einmal die Galle überlief. (...) (Seite 15 f.)
3. Juni 1915 - (...) Verlassen darf man sich jedenfalls hier auf niemanden und nichts. - Den Charakter des armenischen Volkes lernen wir ja auch hier im Haus zur Genüge kennen. Leute, die jahrelang unter unserem Einfluß stehen und Bethesda, den Deutschen alles verdanken, - innen wohnt das Gift, das sie entweder verhalten oder gelegentlich ausspritzen. Die treuesten, anhänglichsten, willigsten Arbeiter, aber in dem Punkt wie Schlangen. Die Wahrheit können sie nicht vertragen, auch nicht mit der größten Liebe verbunden. Keiner, dem man trauen kann, der eine persönliche Überzeugung hat, alle unter dem Banne des Volksgiftes. (...) Sie alle wollen nicht die Wahrheit, sondern wollen sich vor Massakern fürchten, Märtyrer sein und als solche beklagt und unterstützt werden. (...) (Seite 18)
11. Juni 1915 - (...) Chossroff Eff.s (Effendi, die Hrsg.) Fall besprachen wir ganz besonders eingehend. Das ist also Tatsache: Chosroff Eff. hatte ein verbotenes Gewehr und mit seinem Wissen als Parteihaupt der "Taschnakzagan" waren 14 andere vorhanden bei einzelnen Armeniern. Erschwert ist seine Sache durch Verleumdungen, durch seine neuerlichen Verrücktheiten (Selbstmordversuch, Behauptung, in Babucht seien Waffen vergraben), durch strenge Anweisung von oben, gegen die Taschnakzagan sehr streng vorzugehen. Trotzdem ist der Komm(andant; die Hrsg.) von der persönlichen Unschuld Chosroff Eff.s überzeugt. Er legte mir nahe, um ihn zu befreien an den Wali zu telegraphieren. Ich sagte aber, uns seien durch die Zensur die Hände gebunden. Darauf erbot er sich, einen Brief von mir durch einen Saptieh nach Mesereh zu befördern. Erst wollte er noch einige Tage arbeiten und versuchen, die Sache so zu ordnen. Übrigens sei Chosroff Eff. bisher kein Haar gekrümmt und hätte gar keinen Grund, zu fürchten. - Ich ging sehr befriedigt und beruhigt fort, in dem Bewußtsein, daß sich die Regierung vor Ungerechtigkeiten und Übertreibungen hütet und schweren Grund hat, gegen die verlogenen und verräterischen Armenier streng vorzugehen. Das ist schon an sich, wie man aus der trotz allem bisher mäßigen und tadellosen Haltung der türkischen Bevölkerung den Armeniern gegenüber auch zur Genüge erkennen kann, die Richtung der gegenwärtigen inneren Politik, offenbar stark unter dem Einfluß der Deutschen Militär-Mission und daneben wird auch unsere Gegenwart und Einwirkung nicht ohne Nutzen sein. (...) (Seite 22)
11. Juni 1915 - (...) Gestern nachmittag kam Jesther, eine etwa 18jährige Blinde aus der Stadt, die wir auch vor einem Jahr fortschicken mußten, mit ihrer Großmutter. Heute würde ein Massaker sein, ob sie nicht hier bleiben dürften. Entsetzlich, wie einzelne gewissenlose Leute, Türken und Armenier, meist Frauen, das ganze Volk ängstigen. Die verdienten die härtesten Strafen. Und das Volk ist teils zu dumm, um die Haltlosigkeit solcher Gerüchte zu begreifen, andererseits wälzen sie sich ja mit einer krankhaften Wollust in der Furcht. Wir nahmen Jesther natürlich nicht an, sondern suchten sie nach Möglichkeit wieder zurecht zu bringen. (...) (Seite 32)
3. Juli 1915, abends 11 Uhr - (...) Wir Deutsche sind also unnötig hier; man nimmt zwar von uns gnädigst Geld an, aber nicht das Evangelium, nicht geistliche Hilfe. Die hat man auch i(m) a(llgemeinen) nicht nötig. Wir beobachten jetzt leider wieder die Tatsache, daß das armenische Volk durch alle Heimsuchungen nur immer härter wird. Ihre Frömmigkeit läßt sich ziemlich in allen Zügen mit der des jüdischen Volkes zur Zeit Jesu vergleichen. Nicht in ihrer Sünde sehen sie ihr Verderben, sondern in den Türken. - (...) Was wir unter Trauer verstehen, das kennt man hier nicht. Hier gibt es stattdessen nur Verzweiflung, Schreien, Fatalismus, Bitterkeit, Angst, Fassungslosigkeit, Haß usw., aber eine Ehrfurcht erweckende tiefe Trauer findet man kaum. (...) (Seite 47)
23. Juli 1915 - (...) Die Stimmung der verbannten Bevölkerung ist natürlich nicht vom Besten; sie fühlen sich hin und her getrieben wie Schlachtschafe. Sie glauben natürlich immer das Schlimmste, machen aus eins einhundert, was ja bei einem so tief stehenden Volk nicht weiter verwundern kann. (...) (Seite 81)
24. Juli 1915 - (...) Heute früh waren 9 Kinder hier, die gestern von den übrigen geflohen waren, weil, wie sie behaupteten, man sie gerade töten wollte. Da wir sie nicht behielten, gingen sie zur Kaserne (dem Sammelpunkt der Deportierten, die Hrsg.). "Man wird uns schlachten", das ist bei den Armeniern eine Empfindung, die sie wie eine sexuelle Wollust in einer oft geradezu ekelhaften Weise beherrscht. Ganz unbegründet ist sie natürlich nicht, aber das Volk könnte im Himmel sein und wäre noch nicht zufrieden, wenn es keinen Grund zu klagen und zu fürchten und zu intrigieren hätte. Die wollen nicht denken und die Wahrheit sehen. (...) (Seite 88)
29. Juli 1915 - (...) Daß selbst die Schüler des amerikanischen Kollegs nicht zuverlässig sind, sieht man daraus, daß bei einem Knaben unterwegs (auf der Deportation, die Hrsg.), wie Miss Graffen erzählt, ein Messer gefunden wurde, mit dem er im Begriff war, einen Saptieh zu erstechen. (...) (Seite 97)
Kangal, 14. August 1915, mittags -(...) Das türkische Volk i(m) a(llgemeinen; die Hrsg.) macht auch in dieser Zeit einen sympathischeren Eindruck als das armenische, welches in der schlimmsten Not seinen Götzendienst mit Geld u(nd) Essen u(nd) Reichtum aller Art sowie seine Streitsucht und Verlogenheit nicht aufgeben kann. Allerdings merken wir auch das immer wieder, daß Malatia ganz abnorm schlechte Bevölkerung hat. Glücklicherweise darf man nach den Malatialeuten nicht das ganze armenische Volk beurteilen. (...) (Seite 16 f.)
Siwas, 17. August 1915, früh 5.45 Uhr - (...) Wir besahen uns gestern noch den Neubau des Schweizerischen Waisenhauses. In dieses Grundstück und die Gebäude sind einige hunderttausend Mark gesteckt (worden); alles war so schön und praktisch ausgedacht, u(nd) nun muß alles preisgegeben werden. Die erwachsenen Mädchen, mit denen wir gestern abend zusammen waren, machen einen sehr guten Eindruck, hübsch, freundlich, gewandt, sauber u(nd) geschmackvoll angezogen, alles wie in Europa. Wer nicht länger im Orient gelebt hat, würde ganz entzückt von diesen armenischen Mädchen sein. Aber in den meisten Fällen wird es doch so sein, wenn nicht in allen, daß man sie nicht näher kennen lernen darf, um nicht bitter enttäuscht zu werden. Jedenfalls ist es ein höchst gefährliches Experiment, diese Kinder so ihrem Land u(nd) Volk zu entfremden u(nd) auf ein ganz anderes Niveau zu heben.
Hier im College sind viele tausend Ltq. von Armeniern abgegeben. "Wenn wir sterben, gehört es euch, bleiben wir leben, so gebt es uns wieder." Man hat es angenommen, aber ohne zu zählen u(nd) ohne die geringste Verantwortung zu übernehmen, nur in jeden Sack oder dgl. (dergleichen, die Hrsg.) den Namen u(nd) die Aussage notiert. Wir hätten das nicht getan, denn die Verantwortlichkeit ist riesengroß. Aber die Art, wie die Amerikaner den Fall behandelt haben u(nd) behandeln werden, ist korrekt. Es ist unglaublich, welch ungeheurer Reichtum im armenischen Volk steckt. Man sollte, anstatt in Deutschland für die "armen" Armenier zu sammeln, die reichen Armenier gehörig schröpfen u(nd) ihr Geld für ihre notleidenden Landsleute verwenden. Das ginge natürlich nur unter deutscher oder amerikanischer Leitung. Übrigens wäre es für uns Deutsche ein trauriges Zeichen, wenn wir so etwas den Amerikanern überließen u(nd) uns selbst außerstande zeigten, den nötigen Einfluß auf die Regelung der inneren Angelegenheiten der Türkei auszuüben. Denn die Vernichtung des armenischen Volkes dürfen wir nicht nur aus humanen Rücksichten nicht zulassen, sondern es steht die für Deutschland keineswegs gleichgültige Frage der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Türkei auf dem Spiel. (Seite 120 f.)
18. August, 12.20 Uhr, Aufenthalt in Sarkischlar, einem großen kultivierten Ort. Dort lagerten an einem schönen, schattigen Ort Mengen von Armeniern aus Samsun, Marsevan usw. Außerdem trieben sich eine Menge Männer herum, die Muhammedaner geworden waren u(nd) sich dadurch die Erlaubnis erwirkt hatten, dort zu bleiben. Wenn das tatsächlich die Regierung annimmt - daß sie es nicht will, wissen wir -, so müßte man das einen schweren Fehler nennen. Einige von den Leuten redeten uns an u(nd) hängten sich wie Schmeißfliegen an uns. Bei derartigen Fällen kann einem manchmal das ganze armenische Volk so widerlich werden, daß man es versteht, wenn die Türken sie ein für allemal los werden wollen. (...) (Seite 122)
II. DOKUMENTATION
Zeuge wider Willen: Hans Bauernfeind über den Völkermord an den Armeniern
1. Entwaffung, Haussuchungen, Festnahmen, Folter und Massaker der Männer
2. April 1915 - (...) Vorhin war ein armenischer Priester hier (Vertreter des Wardabed). Mit ihm sprachen wir natürlich auch über Krieg, Mobilmachung usw. Von den 700 aus Malatia eingezogenen Armeniern sind bereits über 150 tot und zwar meist infolge von Krankheiten, d(as) h(eißt) infolge mangelnder Fürsorge. Entsetzliche Zustände! (...) (Seite 3)
16. April 1915 - (...) Gestern abend kam Garadeb (Karapet; die Hrsg.) (unser Koch und Einkäufer) ohne Gewehr zurück. Man hatte ihn morgens Knall auf Fall ins Gefängnis gesteckt, ihm Gewehr und Seitengewehr abgenommen, den ganzen Tag nichts zu essen gegeben, als er zum Abort gehen wollte, einen Saptieh mitgegeben. Sein Vorgesetzter war in Arschadagh, sein Stellvertreter behauptete, ein Telegramm aus Adiaman bekommen zu haben, wonach Garabed heute früh nach dort abgehen müsste. Damit er nicht entflöhe, hielt er es für nötig, ihn einzusperren, alles, ohne irgend eine Gelegenheit zu bieten, Nachricht zu geben. So wäre er heute früh direkt aus dem Gefängnis nach Adiaman abgeschoben worden, wenn nicht gestern abend sein Kommandant zurückgekommen wäre und darauf aufmerksam gemacht hätte, daß man den, weil er den Deutschen zur Verfügung gestellt sei, nicht ohne weiteres fortschicken könne ohne vorher die Sache dem Mutessarif vorzulegen. So wurde er denn abends befreit. (...) (Seite 6)
19. April 1915 - (...) Es ist eine neue Verordnung eingetroffen, nach der Armenier, d.h. die christlich osmanischen Staatsangehörigen, überhaupt keine Waffen mehr tragen dürfen, sondern nur noch für Arbeiten verwendet werden dürfen. Gar(abed) kann also auch deshalb nicht weiter Saptieh sein, sondern die Regierung kann ihn nach Belieben zu ihren Zwecken verwenden. Der Komm(andant) machte uns das überaus liebenswürdige Anerbieten, uns Garabed vollständig zur Verfügung zu stellen. Wir lehnten dies aber dankend ab, teils um das Entgegenkommen der Regierung nicht unnötig viel in Anspruch zu nehmen, besonders aber um unserer und Gar(abed)s willen, denn für Gar(abed) ist jetzt längst nicht genug Arbeit. Wenn wir ihn nun doch wieder beschäftigen, würde es unfehlbar Streit und Eifersüchteleien geben und Gar(abed) würde, obwohl seine ganze Familie hier freie Station genießt und er nur um unseretwillen nicht in den Krieg geschickt wurde, im Stillen Gehaltsansprüche darauf gründen. Wohl aber haben wir uns ausgebeten, daß Gar(abed) hier wohnen bleiben, also nicht fortgeschickt werden darf, und daß er uns, so oft wir ihn brauchen, nach unserem Belieben zur Verfügung gestellt wird. Das wurde uns gern gewährt. (...) (Seite 6 f.)
4. Mai 1915 - Die Regierung scheint jedes Zutrauen zu den Armeniern verloren zu haben. Als wir Sonntag bei Chosroff Effendi (Apotheker, Hausfreund) einen Besuch machten, erzählte uns die alte Mutter, die wir allein zu Hause trafen, daß die Regierung in vielen armenischen Häusern u(nter) a(nderem) auch bei ihnen, Haussuchung veranstaltet habe. Sie suchen nach Waffen, Büchern, Zeitungen, Briefen und Flüchtlingen. Mehrere Verhaftungen sind schon erfolgt. Der armenischen Bevölkerung bemächtigt sich begreiflicherweise eine gewisse Erregung. (...) (Seite 7 f.)
10. Mai 1915 - (...) Ein(e)s ist sicher: Die Regierung hält hier strenge Haussuchungen, geht unverständig vor, was beim Volk Erbitterung hervorrufen muß. Ich war in der Stadt, das armenische Volk ist aufgeregt und furchtsam. Am schlimmsten sind die Frauen, die ihre bösen Zungen arbeiten lassen und die Wahrheit und Lüge nicht unterscheiden können. (...) (Seite 9)
16. Mai 1915 - Die Haussuchungen und Gefangennahmen gehen weiter. Ein sehr braves Mädchen (Veronika, d. Hrsg.), Sabathistin (Familie Bonapartian), ist gefangen nach Mesereh geführt, weil bei ihr einige geschriebene, von ihrem Prediger verfaßte armenische Lieder gefunden worden sind. Soweit wir die Sache beurteilen können, eine ganz harmlose Sache und ein grausamer Mißgriff der Regierung. Das Desertieren ist zu einer Art Versteckenspielen mit der Regierung ausgeartet. Einer unserer Meister, Steinhauer Megrditsch Warbed (Mrkttitsch Warpet; die Hrsg.) wurde vor einigen Tagen hier gelegentlich der Suche nach Waffen infolge der Aussage eines Kindes in einer Vorratskiste gefunden, nachdem er sich 7 Monate versteckt gehalten hatte. Ein Vetter unseres Bekannten Bardrjan, Jedward, wurde vorgestern mit einigen Freunden gefaßt. Solche Leute werden dann einige Zeit gefangen gehalten, nach Mesereh geschickt usw., bis sie ihr Spiel wiederholen. (...) (Seite 9)
17. Mai 1915 - (...) Das Mädchen (...) soll zu drei Monaten Gefängnis verurteilt sein. Das betreffende Liederbuch enthielt zwei revolutionäre Lieder. Sie hatte es von einem 24jährigen Manne gekauft. Letzterer ging straffrei aus, weil er amtlich auf 16 Jahre eingetragen war. Dieses Jüngerschreibenlassen ist ja eine allgemein hier verbreitete Unsitte. Man bezweckt damit Vorteile bezgl. (bezüglich; die Hrsg.) des Militärdienstes. Das Mädchen hatte hinter den vorhandenen Liedern geistliche Lieder handschriftlich nachgetragen. (...) (Seite 12)
Nach den neuesten Gerüchten soll, wie schon oft erzählt wurde, auch Dr. Micael in Erzerum wieder im Gefängnis sitzen. Auch Prof. Samuel (Tamrasjan; die Hrsg.), Sohn des hiesigen Badwelli (prot. Prediger), der in Charlottenburg (Berlin; die Hrsg.) Musik studiert hat, neulich einige Zeit hier war und jetzt wieder in Kharput ist, soll gefangen sein. Jetzt sollen auch die 18/19jährigen eingezogen werden, das würde auch Kirkor (Krikor bzw. Grigor; die Hrsg.) treffen. (Seite 12)
26. Mai 1915 - (...) Der Müfetisch (Inspektor; Deportationsinspektor? die Hrsg.) aus Konstantinopel, der hier ist und bei Haschim Bej wohnt, ist der angenehmste, fein gebildeste und männlichste türkische Beamte, den wir je gesehen haben. man fühlte sich gerade wie mit einem feinen deutschen Beamten, etwa Schulrat, zusammen. (...) Eine Kehrseite zu obigen: Die Willkür, mit der fast täglich einige Armenier ohne erkennbaren Grund gefangen gesetzt und vor Gericht gestellt werden, gestern zwölf, darunter auch der Apotheker Chosroff Eff(endi), beginnt uns mehr und mehr zu befremden. - Krikor soll auf Bemühungen des Muhasebedschi (Rechnungsrat; die Hrsg.) hin als Soldat geschrieben werden, jedoch für die Arbeitergruppe und zwar so, daß er uns als Arbeiter zur Verfügung gestellt wird. Die Sache liegt in den Händen des Gendarmeriekommandanten. (...) (Seite 12 f.)
27. Mai 1915 - Kaum war ich gestern beim Kommandanten gewesen, als auch schon Krikor zur Regierung geholt wurde, um dort sofort und ohne geringste Schwierigkeit als Soldat geschrieben zu werden. Er wurde uns sofort zur beliebigen Verwendung überwiesen, soll nur täglich seine drei Soldatenbrote abholen. Er ist glücklich, seine Eltern natürlich erst recht. Und für uns ist es auch äußerst günstig. Zwar hatte Krikor in der letzten Zeit zu manchen Klagen Anlaß gegeben, aber er nimmt sich jetzt natürlich sehr zusammen, da er ja völlig in unserer Hand ist und recht gut weiß, daß er, falls wir ihn entließen, sofort weggeschickt werden würde. (...) (Seite 13)
(...) Nun muß die Regierung auch bei Armen suchen lassen, während bisher alle die strengen Erpressungsmaßregeln - Gefängnis, Prügel usw. - nur gegen "bessere" Stände angewandt wurden. Auch aus den Feldern werden Waffen ausgegraben. Die Armenier verraten sich gegenseitig. (Seite 13 f.)
28. Mai 1915 - (...) Der Muhasebedschi bat heute, für acht bis 14 Tage mit seiner Familie bei uns wohnen zu dürfen. Sein von ihm angegebener Grund ist folgender: Er wohnt dem Gefängnis gegenüber; dort werden jetzt jede Nacht Armenier verprügelt, scheinbar oft maßlos, denn ein ziemlich alter armenischer Priester (katholisch) ist infolgedessen gestorben. Das könnten sie nicht mehr ertragen. (...) Die Gewaltmaßregeln gegen Armenier treffen natürlicherweise, da einmal das berechtigte Mißtrauen da ist, auch öfters Unschuldige, obwohl wir bisher dafür keine Beweise haben. Denn die Gerüchte im Volk...., na, darüber könnte man ja Bücher schreiben! Doch scheint es tatsächlich vorzukommen, daß Leute heimlich Gewehre kaufen, um welche abliefern zu können, wenn sie durch Prügel und Gefängnis dazu gezwungen werden sollen. (Seite 14 f.)
31. Mai 1915 - (...) Das Mädchen ist zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. (...) Jedenfalls soll das Mädchen in Einzelhaft gehalten werden, nicht mit den meist entsetzlich verdorbenen übrigen Frauen zusammen. Der Fall wird so schwer aufgefaßt, weil der Bruder des Mädchens zu den Russen übergegangen sein soll, wovon die Mutter nichts sagte. Man kann eben hier schließlich niemanden mehr glauben. (...) (Seite 16)
9. Juni 1915 - Wir bestellten uns heute den armenischen Stadtarzt herauf und ließen uns von ihm über alles berichten, insbesondere über den Fall Chosroff Effendi. Letzterer hatte sich also tatsächlich vergiften wollen, hatte eine riesige Dose Morphium genommen, auch versucht, sich mit einem Stück Blech die Pulsader aufzuschneiden. Für alle Fälle hatte er auch Strichnin und Arsenik bei sich. Der schnell herbeigerufene Stadtarzt konnte gerade noch sein Leben retten. Gründe: „Mein Volk wirft alle Schuld auf mich; die Regierung versteht mich nicht und will mir nicht glauben; also will ich auch nicht mehr leben." Sicher hat auch die namenlose Angst vor Schlägen stark mitgespielt. Die sollen allerdings oft unmenschlich sein. Wenn die Leute halbtot geschlagen sind, werden sie ins Wasser geworfen, bis sie wieder zu Bewußtsein kommen, um dann weiter geschlagen zu werden. Starke Dorfleute prügeln, und nur Polizisten sind dabei, kein höherer Beamter. Einige Leute soll man nach Haus geschafft haben, aus Furcht, daß sie infolge der Schläge sterben würden, wie es ja einmal vorgekommen sei. Drei Leute sollen auf geheimnisvolle Weise verschwundens ein. Man sagt, sie seien des nachts in den Tochmanssu geworfen (Nebenfluß des Euphrat), das erscheint uns aber doch nicht glaubhaft. -
Das Gefängnis ist nach Beschreibung des Stadtarztes ein Raum von etwa 160 Quadratmeter Größe, niedrig, dunkel, feucht, mit nur einem winzigen Luftloch an der Decke, in dem augenblicklich 200 Armenier eingesperrt sind. Dazu gehört ein kleiner Hof mit Brunnen und Abort. Nachts machen die Gefangenen ihre Bedürfnisse in einem Blechgefäß innen ab, das morgens ausgegossen wird. (...) (Seite 20)
(...) Bei der Verabschiedung des Müfetisch (Deportationsinspektor? die Hrsg.) im Hof der Schule waren sämtliche Spitzen zugegen. Er zeigte dort eine Nummer einer Kriminal-Zeitschrift mit Abbildungen von Massen von Gewehren, Bomben und dergleichen, die bei Armeniern in Kuharea (Kütahiye?; die Hrsg.), Diarbekir usw. gefunden sein sollen und in einzelnen Zimmern zusammengebracht waren. Der Stellvertreter des Mutessarif erzählte mir außerdem, gestern seien in Mesereh an 5000 Bomben gefunden. Das türkische Volk wird mehr und mehr gegen die Armenier aufgereizt; die Atmosphäre ist äußerst gespannt, doch sind offene Feindseligkeiten nicht zu bemerken. (...) (Seite 20)
Bauernfeinds Brief an den Kaimakan von Arrha
Malatia, 9. Juin 1915
Monsieur,
Excusez que je prends la liberté de m'adresser à vous par écrit. A cause de ne pas pouvoir vous causer seul il ne me reste pas d'autre moyens. Comme la question arménienne est une affaire extremement importante et ne laisse pas de tranquillité à personne, nous aussi ne pouvons pas rester indifferents. Cette affaire exige bien de la sevérité et de la rigueur, mais tout autant de sagesse et de recherches et informations scrupuleuses. Nous savons fort bien que nous n'avons aucun droit officiel de nous mé`ler à cette affaire, mais d'autre part, quelques raisons m'engagent néanmoins à vous adresser, en cette affaire, quelque lignes. Nous connaissons par propre expérience l'état de la population de Malatia, de différentes nations, nous savons suffisament les circonstances de maintenant, nous sommes dans l'affaire présente, pour ainsi dire, neutres soyants en mé`me temps les confédérés du gouvernement et du peuple ottoman et d'autre part, par notre travail naturellement en contact avec la nations arménienne. Je vous assure, Monsieur, que nous en sommes bien loin de prendre la partie des Arméniens; au contraire, comme je vous ai dit l'autre jour, nous cherchons à corriger leurs fautes à toute occasion, et nous parlons à eux souvent d'une extré`me sévérité. Mais, selon votre propos de l'autre jour, je dois supposer que vous ne vous trouvez pas encore tout à fait au courant sur les événements qui se passent ici, à l'heure présente. Voilà pourquoi je vous prie de bien vouloir me permettre de tirer votre attention sur quelques points:
1) Nous sommes bien consternés par le fait que, en plusieurs endroits, les Arméniens ont pris le parti de nos ennemis, de mé`me qu'aussi à Malatia ont été trouvées tellement d'armes défendues, et que la population ne les a pas délivrées sur le premier ordre. Mais nous sommes tout à fait convaincus qu'ici la peur a joué dans cette affaire un ró`le beaucoup plus important que des intrigues révolutionnaires. Nous savons de mé`me qu'ici beaucoup d'Arméniens, par force de violence, au moyen de coups et d'autres intimidations ont été obligés, n'ayant pas, eux mé`mes, d'armes qu'ils pourraient délivrer au(x) gouvernement , de les acheter d'autres personnes pour les retourner au gouvernement, sinon de dénoncer, pour s'affranchir eux mé`mes, d'autre personnes, soit coupables, soit innocents, ou de chercher d'autres moyens de mensonge ou de fausseté plus ou moins vils et bas.
2) A cause de cela assez d'hommes ont été mis en prison et ont été bá`tonnés qui sont, eux mé`mes innocents, et les noms des quels seulement ont été dénoncés par des traitres perfides. Certainemet, il faut punir sévèrement les coupables, mais avant tout, la culpabilité est à prouver par les moyens du droit public. Bá`tonner ou mettre en prison des personnes, seulement à cause d'un soupcon, cette pratique ne nous semble pas légitime. Nous serions bien contents si nous nous trompions, mais nous avons raison de craindre que des choses pareilles se sont passées plusieurs fois.
3) De mé`me l'exécution de la peine de `bá`ton n'a ni règle ni mesure et transgresse souvent les lois de l'humanité. Il nous semble absolument nécessaire que, à l'occasion d'une telle responsabilité l'exécution de la peine ne se passe pas sans contró`le de fonctionnaires plus haut que des agents de police. Je répète: nous serions heureux de comprendre que nous voyons trop noir, mais les indices sont trop clairs et convaincants.
4) Plusieurs détails: Micael Eff(endi, die Hrsg.) Tschanian et son fils Mihran, et le pharmacien Chosroff Eff(endi, die Hrsg.) Kescheschian. Les deux premiers sont, dans l'affaire présente, absolument innocents et désinteressés, se ne sont jamais mé`les à des affaires parailles, mais ont été calomniés de la manière la plus basse. Nous les connaissons dépuis longtemps, de mé`me Chosroff Eff(endi). Celui-ci était le chef du parti des "Taschnakzagan", mais ses intentions et efforts n'étaient point dirigés contre le gouvernement, de manière révolutionnaire, mais il travaillait seulement pour les intéréts légitimes de sa nation, comme chaque parti le fait de mé`me. Son influance n'était point dangereux et contraire. Maintenant, la situation s'est fort aggravée à cause de basses calomnies - beaucoup d'Arméniens ont, pour se délivrer eux-mé`mes, dénoncé son nom, et parce que, dans les circonstances présentes, chaque affaire se présente beaucoup plus grave que dans l'état normal. Outre cela, dans la situation dangereuse et fort pénible, calomniés par ses compatriots, mal compris par le gouvernemet, dont il est un sujet fidèle, il a nouvellement, tout à fait perdu la té`te, de manière qu'il allait s'empoisonner. Sur son bon sens n'existe, cependant, aucun doute.
5) Si vous voulez bien accepter, Monsieur, notre conviction: si le gouvernement par force, veut trouver ici des choses qui n'existent vraiment pas, et continuellement emploie des moyens de violence, aussi envers des innocents, nous craignons que la population arménienne, de plus en plus, devient troublée et préoccupée. Cependant, si le gouvernement fait voir, outre la sévérité nécaissaire, aussi plus de bienveillance, libéralité et d'une légalité scrupuleuse, nous esperons súrment que la `population arménienne apprendra une lecon de ces jours bien pénibles pour tout le monde, et que, dans l'avenir, il prendra une (?) enne plus loyale. Il y a, parmi eux, des séducteurs très bas, et malheureusement, la population est, en general, assez stupide pour se faire séduire.
Comme pour nous, de mé`me pour le gouvernement et le bien du pays, il est d'une extré`me importance que, parmi le gouvernement et la nation arménienne soit établie un entendement sincère, surtout dans les circonstances présentes. Dans ce but, ma conscience m'engagea, Monsieur, de tirer votre attention et votre conscience, sur les points ci-dessus mentionnés.
Agreez, Monsieur, l'expression de nos sentiments les plus sincères,
Votre dévoué
P. Hans Bauernfeind
14. Juni 1915, morgens -
(...) Gabriel Eff(endi), der Rechtsanwalt, ist seit gestern wieder im Gefängnis. Ich war eben bei Mustapha Agha. Der steht völlig unter dem Einfluß seiner armenischen Umgebung. Er versicherte mir wiederholt, die Regierung ließe jede Nacht 3, 4 Gefangene heimlich verschwinden, die totgeschlagen oder ins Wasser geworfen würden. Mit seinem Wagen würden sie fortgebracht. Ein Priester, Verwandter von Dr. Micael, soll tot sein, ebenso ein gewisser Bontschüklian; beide kannten wir, aber haben noch keine bestimmte Nachricht. Die Frauen kommen ins Gefängnis, um Essen zu bringen, erfahren dann, daß es nicht mehr nötig sei, bekommen aber keine nähere Nachricht. Die an sich etwas mysteriös erscheinende Tatsache, daß die Leichen nicht ausgeliefert, sondern heimlich vergraben werden, erklären wir uns damit, daß im anderen Falle die Toten als Märtyrer und Heilige verehrt werden und möglicherweise Unruhen entstehen würden. (...) (Seite 28)
Die Aushebungen werden streng gehandhabt, die Armenier aber nur zu Arbeiten verwendet. (...) (Seite 29)
15. Juni 1915 -
Heute früh kamen wieder Frauen, heulten, flehten inständig: Für die Gefangenen wird kein Essen mehr angenommen, die Kleider wären zurückgeschickt; also sind viele tot, natürlich heimlich umgebracht. Obwohl wir den wahren Sachverhalt noch nicht verstehen und kennen, halten wir das natürlich alles für leere Gerüchte; denn gar zu oft haben wir ja erlebt, daß mit aller Bestimmtheit die ungeheuerlichsten, blödsinnigsten Behauptungen und Nachrichten verbreitet werden. Wollte ich das alles erzählen, würde ich Bände füllen. Fortwährend zum Kommandanten möchte ich natürlich auch nicht gehen. Der Badwelli forderte mich dringend auf, mit ihm ins Gefängnis zu gehen und den Gefangenen zu predigen. Natürlich ganz undenkbar.
Heute zogen die türkischen entlassenen Gefangenen, 250 an der Zahl, als Freiwillige in den Krieg ab, mit großem Gepränge an begleitendem Volk; Pferde, Trommeln, singende Schüler. (...) (Seite 29)
16. Juni 1915 -
(...) Daß Gefangene sterben und heimlich begraben werden, scheint uns jetzt auch festzustehen. Wir glauben aber nicht daran, daß die Regierung zu diesem Sterben hilft; daß sie die Leichen (bisher stehen uns übrigens nur zwei oder drei Fälle einigermaßen fest) nicht ausliefert, verstehen wir; denn es würde eine riesige Erregung durch die Stadt gehen, wenn die Leichen zur Schau ausgestellt würden. Wir sind nun dahinter gekommen, wo sie begraben werden. Erst hielt ich Krikors diesbezügliche Beobachtungen für nichtig, gestern habe ich selbst folgendes festgestellt: An der Südspitze unseres Feldes 11, wo am Berghang der Choratawassergraben nach Norden umbiegt (siehe unsern Grundstückplan), arbeiteten fünf Mann an einem der Schützengräben, die noch von den militärischen Übungen her zurückgeblieben sind. Als sie mich mit Krikor auftauchen sahen, ließen sie plötzlich ihre Arbeit liegen und entfernten sich in auffallender Eile. Als wir aber entschlossen auf sie zugingen, wichen sie uns nicht weiter aus, sondern begrüßten mich mit großer Höflichkeit und Freundlichkeit. Sie waren eifrig bemüht, mich von der Absicht, oben die Arbeiten unserer Leute am Wassergraben - wir wässerten gerade - zu inspizieren, abzubringen. Ich sollte mich doch in der Hitze nicht dort hinauf bemühen (...). Ich fragte sie nun, was sie denn da in unserem Felde zu graben hätten. Ich hatte den Satz kaum ausgesprochen, da antworteten sie schon in verdächtiger Hast und Bereitschaft: „nichts, nichts." Ich sagte: „Ja, aber ihr grabt doch nicht für nichts und wieder nichts dort?" Sie sagten dann, verlegen darüber hinweggehend, sie vergrüben einige eklige Sachen vom Krankenhaus. Nun sind in letzter Zeit oft Lumpen und Bettreste u(nd) dergl(eichen vom Krankenhaus allerorten ausgeschüttet und verbrannt. Aber in diesem Falle lag es auf der Hand, daß es sich um eine faule Ausrede handelte. Denn 1) wozu diese Heimlichkeit, 2) kam aus dem Loch, das zwar oben einigen Abfall harmloser Art zeigte, ein unverkennbarer Verwesungsgeruch. Und ein Tier würden sie schwerlich mit solcher Sorgfalt und Verschwiegenheit begraben. Außer diesem Loch, das sich direkt am Wasser befand, ist eines eine Strecke weiter östlich, so viel ich erkennen konnte, innerhalb unserer Grenzen. Dort hatten sie gerade angefangen zu arbeiten. Als nachts im Kleegarten gewässert wurde, beobachteten Choren und Krikor Folgendes: Vier Leute kamen mit Spaten an, von ihnen einer auf einem Lastpferd. Sie begaben sich nach der betr(effenden) Stelle; man hörte von weitem Geräusche von Steinen und dergl(eichen); nach einer Viertelstunde kamen sie zurück. Als sie an Krikor vorbeikamen, der eine Laterne trug, fragte ihn einer streng: „Warum hast du uns nicht gesagt, daß hier Menschen sind?", worauf Krikor antwortete: „Ihr saht ja doch die Laterne." Nach alledem erscheint es uns sehr wahrscheinlich, daß die verstorbenen armenischen Gefangenen tatsächlich auf dem Feld begraben werden. Erschütternd, aber schließlich nicht unbegreiflich und den orientalischen Verhältnissen angepaßt.
(...) (Seite 31)
23. Juni 1915 -
Inzwischen sind sowohl Bardrjan als auch Nischan und andere Leute ins Gefängnis gesteckt, so daß es jetzt tatsächlich kaum noch freie Armenier hier gibt. (...) (Seite 35)
24. Juni 1915 -
Um 11 1/2 Uhr begab ich mich zu Pferde nach dem an die Südwestecke unseres Grundstückes 11 (...) angrenzenden Choratagraben, an dessen Ausbesserung Garabed, Choren und Krikor arbeiten. Auf dem Rückweg ritt ich an den (...) Grabstellen vorbei und beobachtete an der westlichsten, daß seit gestern dort neue Erde aufgehäuft ist. Demnach scheint der Bericht unseres Gärtners (Türken), daß dort die Hunde die Leichen der armenischen Gefangenen ausscharrten, richtig zu sein. In dem zweiten Loch sah ich zu meinem größten Entsetzen, wie der Schädel und der noch mit verwestem Fleisch bedeckte Rücken eines Leichnams herausragte(n), offenbar von den Hunden - vielleicht auch den unseren mit - nachts herausgezerrt. Eine Stunde später saß ich mit Choren beim Mutessarif in der Wohnung, den ich sofort um eine geheime Unterredung in einer wichtigen Angelegenheit hatte bitten lassen. Ich erstattete genau Bericht über all meine Beobachtungen und hatte im Anschluß daran eine fast zweistündige Besprechung mit ihm über die ganze armenische Angelegenheit. Zunächst schickte er einen Saptieh an Ort und Stelle, der aber offenkundig bemüht war, die Sache zu beschönigen (es sei dort ein Pferd begaben und vielleicht einer aus dem Krankenhaus), weil er sicher mit in die Geschichte verwickelt war. Was ich alles mit dem Mutessarif sprach und was ich ihm erzählte, brauche ich ja nach allem Vorhergeschriebenen nicht mehr wiederzugeben; nur von seinen Ausführungen will ich wenigstens die wichtigsten Punkte festhalten. Was vor seiner Zeit passiert wäre, könne er nicht mehr ändern; er sage nicht, daß nichts Ungesetzmäßiges vorgekommen sei; er deutete sogar an, daß auf Betreiben von einigen reichen Leuten der Mutessarifstellvertreter manchem zum Sterben etwa nachgeholfen habe. Auf meine eindringliche Bitte, doch den armen Frauen wenigstens Nachricht zu geben über den wahren Verbleib ihrer Männer, ließ er fühlen, daß sie das nicht ändern könnten, weil die Sache eben nicht rein sei. Solange er auf seinem Posten stehe, verspreche er mir auf Ehre, daß nie derartige Ungesetzlichkeiten vorkommen würden. Die Gefangenen sollten auch jetzt die Erlaubnis haben, von Hause beliebig Betten und Essen sich schicken und sich besuchen zu lassen und auf dem Gefängnishof spazieren zu gehen. Freilassen könne er aber niemand, müsse eher noch mehr ins Gefängnis setzen, bis hier die verborgenen Bomben und Sprengmittel gefunden seien, an deren Vorhandensein gar nicht zu zweifeln sei. (...) (Seite 33 f.)
25. Juni 1915 -
(...) Eben wollte ich Mustapha Agha besuchen, traf ihn aber unterwegs an dem Köschke des Mutessarif, wo ich etwas mit ihm sprach. Er sagte, in der Nacht seien, auf mein gestriges Einschreiten hin, die in den sechs Löchern begrabenen Leichen ordentlich bestattet. Es handele sich um mehr einhundert!! (...)
Mustapha Agha behauptete auch sicher zu wissen, daß neulich eine Abteilung armenischer Arbeiter, welche am Tschiftlik zwischen hier und Tsoghlu am Euphrat, mit Straßenarbeiten beschäftigt waren, von den Seite 29 erwähnten entlassenen (türkischen; die Hrsg.) Gefangenen unterwegs aufgehoben, erschossen und ins Wasser geworfen seien. Wir hatten schon derartige Gerüchte gehört, aber nie ernst genommen. Allerdings wunderten wir uns gleich darüber, daß diese Leute sofort hier alle bewaffnet wurden, obwohl es Räuber und Mörder waren. Und Tatsache ist, daß von den betr(effenden) Arbeitern, die wo anders hingeschickt sein sollen, bisher keine Nachricht wieder gekommen ist. Unsere Nerven werden durch alle diese unheimlichen Begebnisse stark angegriffen; zudem sind wir und unsere Leute persönlich jetzt gefährdet. Wir müssen sehr vorsichtig sein. (...) (Seite 35 f.)
2. Juli 1915 -
Das Grauenhafte, Entsetzlichste ist geschehen: Massaker. (...) Als ich beim Mutessarif war, kamen plötzlich alle Arbeiter (wohl 100 bis 200), die eben mit Eseln, Röhren, Werkzeugen u(nd) dergl(eichen) nach Indärä zu der Wasserleitungsarbeit gegangen waren, zurück. Kurze Zeit darauf wurden von hier Soldaten beobachtet, die nach Indära hinaufgingen, und ein Offizier zu Pferde, höchstwahrscheinlich der Gendarmeriekommandant. Diese seltsamen Vorgänge haben wir auch erst gestern verstanden. (...) (Seite 40 f.)
Da wir den Juli mit einem Besitz von 1,25 Piaster (ca. 30 Pfennig) angetreten haben und unser letztes Geld (übrigens von Choren geborgt) bei Garabed gewesen war, beschloß ich am andern Morgen, also gestern früh, zu Mustapha Agha (Bürgermeister) zu gehen und ihn zu bitten, uns fünf Ltq. zu leihen. Ich ging früh mit Choren und dem Saptieh und traf Mustapha Agha allein, so daß man einmal freier sprechen konnte. Nach den nötigen Eingangsgesprächen fragte ich, ob er nicht wüßte, wo Garabed wäre. Er wäre nach Mesereh geschickt, lautete die Antwort. Nachdem ich ihm alle meine Eindrücke erzählt hatte, sagte ich, wir hätten Sorge, daß etwas anderes geschehen sei. Darauf er: Sage es niemand anders, Garabed haben sie getötet, und nicht nur ihn, sondern in der vorigen Nacht 300, in der vergangenen 180. Alle nach Indärä gebracht und dort - ich mochte nicht fragen, ob erdrosselt oder abgeschlachtet; denn Schießen hätten wir gehört. Es muß sich um alle Gefangenen handeln, d(as) h(eißt) also um fast alle Männer, die überhaupt hier noch vorhanden waren. Morgens sind die dann dort alle vergraben. Ziemlich sicher ist auch Krikor darunter; es hatte schon geheißen, er würde "wo anders hin geschickt." Das scheint nach dem jetzigen Sprachgebrauch zu bedeuten "töten", während "gehen" sterben, d(as) h(eißt) auf gewaltsame Weise, heißt. (...) (Seite 42)
(...) Garabed soll übrigens besonders, in der Regierung, getötet sein. Er muß, wie jetzt herauskam, die letzten Tage schon Todesahnungen gehabt haben. (...) (Seite 43)
(...) Wir dachten auch viel über Mesereh nach. Wenn irgend möglich, wollten wir mit dem ganzen Haus nach Mesereh. Aber auf der Reise würden wir zweifellos überfallen; es ginge nur, wenn die Regierung uns hülfe und schützte. Das wird sie aber keinesfalls können und dürfen. Mustapha Agha nahm mir auch gleich jede Hoffnung; der Mutessarif werde uns nicht lassen; wir seien hier sicher. Übrigens soll es in Mesereh, Siwas, Erserum, Ersinghan, Cäsarea usw. gerade so zugehen wie hier. Es sei ein Befehl von oben, natürlich reiflich vorbereitet. Darum so lange schon kein türkischer Besuch mehr bei uns, darum die Seite 34/35 wiedergegebenen Worte des Mutessarif, (...) darum die eiligen Gefangensetzungen aller noch übrigen Männer und auch der Knaben, die der Mutessarif einmal frei gelassen hatte. Wie entsetzlich hat man uns betrogen und verraten, mit satanischer Bosheit und Schlauheit. Nicht die ganze Regierung, durchaus nicht; aber sie steht unter der Pöbelherrschaft. (...) Als dieser Mutessarif kam, war sicher die Sache unter dem Vertreter schon so weit geschürt, daß er nicht mehr gegen den Strom konnte. Vier, fünf Leute sollen alles geleitet haben. (...) (Seite 43 f.)
4. Juli 1915 -
(...) Unter dem türkischen Volk sollen nach Habeschs Aussagen nur 80 Prozent mit den Maßregeln gegen die Armenier einverstanden sein. - In der vorigen Nacht um 1 1/2 Uhr hörten Choren u(nd) Sarah, wie zwei Wagen nacheinander (oder einer zweimal) nach dem Bergabhang fuhren, ganz offenbar wieder neue Ermordungen und Begrabungen. In einem solchen Wagen werden schwerlich unter 10 bis 20 Leichen gewesen sein. Das Töten soll jetzt zu Ende sein; nach unseren Erfahrungen also wohl mindestens 600 bis 700. Es sind übrig noch außer einzelnen etwa 40 Arbeiter, die Röhren für die Indäräwasserleitung machen. Die rechnen aber ganz bestimmt damit, daß sie nur noch so lange leben werden, als ihre Arbeit dauert. Aaron und Megrditsch Warbed sollen noch leben. - (Seite 48)
5. Juli 1915, 11 Uhr abends - Ehe ich heute früh, d(as) h(eißt) in der vergangenen Nacht, zu Bett ging, machte ich noch einmal den gewöhnlichen Rundgang auf der oberen Eiwa. Da hörte ich das unheimliche Knarren der Wagenräder auf dem Feld u(nd) begriff: Sie fahren von neuem Leichen nach den Grabstellen am Bergabhang. Nach etwa einer Viertelstunde kam das Geräusch wieder und verlor sich in den Obstgärten. Mihran hörte dann später noch einmal den selben Vorgang. Habesch hat gehört, es seien vier Katholiken getötet, in einem Wagen immer nur zwei Leichen gebracht. (...) (Seite 49)
(...) Über Krikors Verbleib kursiert folgendes unkontrollierbare Gerücht: Er sei vorigen Dienstag Abend noch im Chan gesehen. Da seien zwei Gruppen aus den dort befindlichen Armeniern (Arbeitssoldaten) gebildet, die eine sollte hier die Wasserleitungsarbeit beendigen, die andere, der Krikor zugewiesen wurde, sollte wohin geschickt werden, um Weizen zu pflücken. Ein Saptieh hätte gesagt: Ich wundere mich, daß die Deutschen dich nicht aus unserer Hand haben befreien können. Diese Gruppe sei dann ins Gefängnis überführt und sei spät abends von neuem gesehen, wie sie von dort nach unbekanntem Ziel abgeführt worden sei, angeblich zur Erntearbeit. in Wirklichkeit aber wohl, um in Indära erdrosselt zu werden. Das war ja auch eine Ernte - des Schnitters Tod. Diese Einzelheiten sind wohl nur Legende. Aber als einziges, was wir hörten, wollte ich es doch festhalten. Abgesehen von all dem Grauenhaften, Unheimlichen u(nd) all dem Jammer, was fortwährend die Seele belastet u(nd) die Nerven in Aufruhr bringt, hat unser Herz am tiefsten verwundet dieser unsagbar gemeine u(nd) niederträchtige Verrat, den unsere "Bunde |