Berlin, den 18.04.2026

An das
Präsidium der Bildungsministerkonferenz

Über:
Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland
Postfach 11 03 42

10833 Berlin

 

  •  Schulunterricht zum Thema Genozid

Sehr geehrte Ministerin Simone Oldenburg,

sehr geehrte Staatsministerin Anne Stolz,

sehr geehrte Ministerin Christine Streichert-Clivot,

sehr geehrte Ministerin Dorothee Feller,

die unterzeichnenden Verbände und Vereine sind in Deutschland ansässige Menschenrechtsvereine, Bildungsträger sowie migrantische Selbstorganisationen aus der armenischen, griechischen und griechisch-orthodoxen, aramäisch-assyrischen, kurdischen, alevitischen und yezidischen Diaspora. Letztere vertreten Gemeinschaften, deren Angehörige Opfer des größten aller Verbrechen wurden: des Genozids. Dazu gehörten nicht nur indigene Christ:innen (Armenier, griechisch-orthodoxe, syro-aramäische bzw. assyrische und chaldäische Christ:innen) sowie Alevit:innen und Jasid:innen, sondern auch  Kurd:innen jeder Konfession. Dieser überkonfessionelle und überparteiliche Appell vereint eine Vielzahl von Betroffenenorganisationen und Vereine aus der türkischen Community, die sich tatkräftig für die Würde der über drei Millionen Opfer des osmanischen Genozids, unsere Demokratie und die Bekämpfung von Hass, Diskriminierung und Ungleichwertigkeitsideologien einsetzen.

Das Thema Genozid wurde bisher an bundesdeutschen Schulen hauptsächlich am Beispiel der Schoah unterrichtet. Selbst in jenen Bundesländern, deren Lehrpläne fakultativ auch die Heranziehung anderer Genozidfälle gestatten, geschah dies nach Beobachtung des Erziehungswissenschaftlers Dr. Martin Stupperich in der Regel jedoch nicht.[1]

Viele Schüler:innen mit griechischer, armenischer, assyrischer, aramäischer, kurdischer, jasidischer und alevitischer Herkunft erfahren psychische und verbale Gewalt im Schulkontext von ihren Mitschüler:innen mit türkischen nationalistischen Ressentiments bzw. Motiven, denn die historischen Feindbilder aus der osmanischen und kemalistischen Zeit bestehen bis heute (vgl. Erfahrungsberichte der Pontosgriechischen Jugend in Europa, Amadeu-Antonio-Stiftung 2024).[2]

Zudem ist die Leugnung der genozidalen Verbrechen des osmanischen und türkischen Staates besonders retraumatisierend und belastend für Schüler:innen. Genozidleugnung belastet Schüler:innen langfristig.(vgl. Interview mit Lisa Brüßler 2021). Schule ist ein Ort der Zusammenkunft und des Lernens, wo unterschiedliche Hintergründe, Perspektiven und Narrative aufeinandertreffen. Aus diesem Grund besteht die Notwendigkeit, präventive Maßnahmen durch die Behandlung der Thematik im Schulunterricht zu treffen.  Eine Herausforderung für die systematische Untersuchung und Bekämpfung dieses antidemokratischen Phänomens ist die fehlende Information über transnationale autoritäre Ideologien und die Kontinuität politischer Realitäten aus den Herkunfts- oder Bezugsländern. Das Erkennen und das Einordnen transnationaler Ideologien erfordert historisch-politisches Wissen und interkulturelle Kompetenz, die erst seit wenigen Jahren eine größere Rolle im deutschen Bildungsdiskurs und in der außerschulischen politischen Bildung spielt.

Extrakurrikulare historisch-politische Bildungsangebote zu türkeibezogenen Themen stoßen auf Ablehnung oder sogar aktiven Widerstand von türkeistämmigen Eltern, wie auch die Schilderung der assyrischen Journalistin Ninve Ermagan offenlegt. Bei mangelnder Unterstützung seitens der Schule droht sogar die Entlassung.

Historische und politische Tatsachen im Türkei-Kontext müssen Bildungsinstitutionen bekannt werden und in ihre Lehrpläne und Antidiskriminierungspraxis implementiert werden. Politische Bildung spielt hierbei eine bedeutende Rolle und kann einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Hass und Gewalt an deutschen Schulen für ein sicheres und gleichwertiges Miteinander leisten.

Unsere Forderungen lauten:

  • Genozid sollte komparativ vorgestellt werden, in Deutschland idealiter an Beispielen, die mit der Landesgeschichte verbunden sind. Wir schlagen vor, a) das Thema des kolonialen Genozids am Beispiel der Völkermorde in den einstigen deutschen Kolonien Südwest (heute Namibia) und Ostafrika (Tansania u.a.) vorzustellen, b) am Beispiel des Genozids an den indigenen Christen des Osmanischen Reiches, dessen wichtigster militärischer Bündnispartner das Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg war. Raphael Lemkin, der Hauptautor der UN-Genozidkonvention, leitete seine Definition von Genozid als gruppenbezogenem Schwerstverbrechen 1944 aus den Beispielen des spätosmanischen Genozids sowie der Genozidverbrechen im Zweiten Weltkrieg ab. c) Im Vergleich damit sollen die Besonderheiten, aber auch Gemeinsamkeiten der nationalsozialistischen Vernichtung der europäischen Juden (Schoah) sowie Sinti und Roma aufgezeigt werden.

 

  • Die Bundesrepublik Deutschland ist seit langem ein Einwanderungsland, das die Möglichkeit bietet, Beispiele von Völkermord heranzuziehen, die das Ursprungsland zahlreicher in Deutschland lebender Menschen aus der Türkei berücksichtigen. In der Türkei selbst ist eine offene gesellschaftliche Aufarbeitung oder gar schulische Behandlung der dunkelsten Kapitel der jüngeren türkischen Nationalgeschichte noch immer stark behindert bzw. eingeschränkt. Hier bietet sich an, die an ca. drei Millionen indigenen christlichen Armenier*innen, Griech:innen und Aramäer:innen/Assyrer:innen/Chaldäer:innen verübten Verbrechen auch im Zusammenhang mit Nachfolgeverbrechen zu behandeln, etwa dem Tertele, dem Genozid an der überwiegend alevitisch-kurdischen Bevölkerung der Region Dersim 1937/38. Die juristische Nicht-Ahndung der spätosmanischen Genozide durch die kemalistische Republik Türkei machte Deportation, Massaker, gewaltsame Kindeswegnahme, Zwangsarbeit und andere genozidale Maßnahmen zu scheinbar probaten Mitteln der Innen- und Nationalitätenpolitik.

In seiner Resolution vom 2. Juni 2016 (Drucksache 18/8631) stellte der Deutsche Bundestag den Bundesländern eine entsprechende bildungspolitische Aufgabe: „Heute kommt schulischer, universitärer und politischer Bildung in Deutschland die Aufgabe zu, die Aufarbeitung der Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Teil der Aufarbeitung der Geschichte ethnischer Konflikte im 20. Jahrhundert in den Lehrplänen und -materialien aufzugreifen und nachfolgenden Generationen zu vermitteln. Dabei kommt insbesondere den Bundesländern eine wichtige Rolle zu.“[3]

Leider ist bisher wenig in diese Richtung geschehen, was auch, wie Dr. Martin Stupperich vermutete, an der Unkenntnis der Lehrkräfte gelegen haben mag. Sie entsprang nicht zuletzt fehlenden Unterrichtsmaterialien. Um diesem Missstand abzuhelfen, veröffentlichte die damalige Vorsitzende der Arbeitsgruppe Anerkennung – Gegen Genozid, für Völkerverständigung e.V. 2024 die Monographie Der Genozid an den indigenen Christen des Osmanischen Reiches: Armenier, Griechen, Syro-Aramäer/Assyrer/Chaldäer; eine ausführliche Dokumentation mit drei Modulen von je neun Unterrichtseinheiten) als erstes inklusives Handbuch zu diesem Thema, da es auch die griechischen und syro-aramäischen Opfer ausführlich behandelt. Auch den Kurzfilm Homo Politicus (2015, 20 Min.) über die Begegnung des osmanischen Kriegsministers Ismail Enver mit dem deutschen Theologen Joannes Lepsius des exilierten türkisch-kurdischen Regisseurs Hacı Orman schlagen wir gern als geeignetes Lehrmittel für den Einstieg in das Thema vor.

Wir stehen gern für ein Gespräch bereit und hoffen, dass Sie unseren Wünschen entsprechen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Parthena Iordanidou (Vorsitzende von AGA e.V.)

Zur Kenntnis:

Der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik, Email: menschenrechtsbeauftragter@diplo.de

UNTERSTÜTZER:

Zentralrat der Armenier in Deutschland e.V.

Gesellschaft für bedrohte Völker e.V.

AGADEKA – Rat der Völker e.V.

Verband der Vereine der Griechen aus Pontos in Europa e.V. (OSEPE)

Verbandskomitee zur Aufarbeitung und Anerkennung des Genozids an den Griechen im Pontos, in Kleinasien und Ostthrakien

Pontosgriechische Jugend in Europa

Fördergemeinschaft für eine Ökumenische Gedenkstätte für Genozidopfer im Osmanischen Reich (FÖGG) e.V.

Mneme e.V. – Für eine inklusive Erinnerungskultur und mehrdimensionale Aufarbeitung des Genozids an den Griechen im Osmanischen Reich

Deutsch-Armenische Juristenvereinigung e.V.

Armenischer Unternehmerverein Köln e.V.

Deutsch-Hellenische Wirtschafsvereinigung e.V.

Armenische Kirchen- und Kulturgemeinde Berlin e.V.

Armenische Gemeinde zu Jena e.V.

Alevitische Gemeinde Hochtaunus (Oberursel)

Bund der Alevitischen Jugendlichen in NRW e.V.

Verein der Völkermordgegner e.V. (SKD)

Initiative Völkermord erinnern

Armenienhilfe Holzhausen-Schlöben

Armenienhilfe Neuenhaus

Markus Meckel, Theologe und ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages (1990-2009)

Bodo Ramelow, MdB

Helmut Holter, Bildungsminister a.D. Thüringen (2017-24)

Dr. Albrecht Schröter, Oberbürgermeister a.D. (Jena)

Yilmaz Kahraman, Bildungsreferent

Dr. Jochen Mangelsen, Autor/Journalist (Bremen)

Helmut Donat-Freiherr von Bothmer (für den Donat Verlag in Bremen)

Dr. h.c. Albert H. Weiler, MdB a.D. (2013-2021)

[1] Stupperich, Martin: Der Völkermord an den Armeniern im Schulunterricht. „Bundeszentrale für politische Bildung“, 26.04.2016, https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/genozid-an-den-armeniern/218116/der-voelkermord-an-den-armeniern-im-schulunterricht/

[2] Pontosgriechische Jugend in Europa: Der türkische Rassismus gegenüber Griech:innen. Erfahrungen und Analysen, in: Doppelt unsichtbar – Innermigrantischer Rassismus in Deutschland und die organisierte türkische Rechte, Berlin 2024.

[3] „Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916“: https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf